• roswithazatlokal

22.11.2020



Liebes Tagebuch,

es fängt schon in der Früh an.



Obwohl ich Frauli im Bett anspringe und mit meiner Nase anstupse, wird sie nicht munter. Sie versteckt sich immer tief unter der Bettdecke. Mit meiner Pfote ziehe ich sie ihr weg, tapse ihr ins Gesicht, um auf mich aufmerksam zu machen. Ein kurzes Tätscheln meines Popschis und ein unverständliches Grummeln sind die einzigen Reaktionen auf meine Bemühungen.


„Bist ja eh mein Mädi“, höre ich noch, bevor sich Frauli auf die andere Seite dreht. Weg von mir.

Ich nehme Schwung und springe auf sie drauf. Endlich bin ich ihr ganz nahe. Glücklich brumme ich ihr ein Guten-Morgen-Lied ins Ohr.

„Hanni, wieso bist du schon munter? Schau doch, es ist noch ganz finster draußen.“ Frauli tätschelt meine Hinterhaxe.

Als ob das eine Rolle spielen würde. Finster, hell, früh, spät. Ich hab Hunger. Meine Schüssel ist leer. Und Brekkies esse ich nicht zum Frühstück. Das sollte sie mittlerweile schon wissen.

Ich puste ihr ins Ohr.

„Hihi, Hanni! Das kitzelt.“

Ich verpasse Frauli eine Massage, indem ich auf der Stelle tretel. Dabei brumme ich ein Mantra.


Weißt du, was ein Mantra ist, liebes Tagebuch? Das ist ein rhythmisches Gebet oder auch Lied, das einen glücklich macht. So haben es mir die im Fernsehen zumindest erklärt.


Ich maunze also: „Sie steht auf und füttert mich. Sie steht auf und füttert mich. Sie …“

Wenn man das Mantra inbrünstig und lange genug singt, erfüllt es sich auch. Manchmal braucht es halt Wochen oder Monate. Ich hoffe, bei mir geht es schneller, sonst verhungere ich.


„Ach, Gott, Hanni! Jetzt muss ich aufs Klo. Daran bist du schuld, weil du mich geweckt hast.“ Frauli dreht sich langsam um, schubst mich dabei von sich runter. Freudig springe ich auf den Boden.

„Wo sind denn meine Hausschuhe?“ Ich schiebe sie ihr zurecht. In der Früh ist sie regelrecht blind. Da braucht sie meine Unterstützung. Frauli hat echt Glück, dass ich mich so um sie kümmere, ohne mich wäre diese Frau total aufgeschmissen.


Endlich schlurft sie hinkend hinter mir die Treppe hinunter. „Morgen, Nanni. Auch schon wach? Du warst sicher schon auf der Jagd?“ Nanni antwortet mit einem Kuschelanfall auf Fraulis Füße.


Also bis mein Schüsserl befüllt wird … das dauert, sag ich dir. Da gibt es das Nanni-Begrüßungs-Ritual, das Klo-Ritual, das in-der-Küche-stehen-und-nicht-wissen-was-tun-Ritual, …

„Soll ich auch gleich frühstücken? Nein, ich geh mit meinem Tee ins Bett und lese die Zeitung.“ Frauli schlurft mit einem Riesenhäferl in der Hand nach oben.


Müde und vollgemampft folge ich ihr. Frauli steht halbherzig bekleidet vor mir. Das heißt, sie trägt eine Jogginghose und ein T-Shirt. Ich glaube, darunter hat sie noch ihr Nachthemd an.

Wir rennen die Treppe hinunter - also ich renne und sie humpelt. Sockenlos schlüpft sie in ihre Stiefel, wirft sich eine Jacke über. Über ihre ungekämmten Haare zieht sie eine Haube.

„Hoffentlich begegne ich niemanden. Aber außer mir ist sicherlich so früh noch niemand unterwegs. Ich hole mir schnell eine Zeitung.“

Wie bitte? Seit wann? Wir lesen doch auf dem I-Pad.

„Falls du dich jetzt wunderst, ich möchte heute einmal die Zeitung in Papierform lesen.“ Aha. Wieso eigentlich? Pfff!


Nach kurzer Zeit kommt Frauli zurück, reißt sich Stiefel, Jacke und Haube herunter, hoppelt die Stufen hoch. Ich hinterher. Im Schlafzimmer fliegt die Jogginghose durch die Gegend, das T-Shirt landet auf meinem Kopf. Mit Schwung schmeißt sie sich ins Bett und kuschelt sich ein. Wie von mir vermutet, hat sie die ganze Zeit ihr Nachthemd noch angehabt.


„Hach, es gibt nichts Schöneres als am Sonntag in der Früh gemütlich seine Zeitung zu lesen. Findest du nicht auch?“ Okay, wenn du das sagst.

Sie schlürft von ihrem Tee, grinst mich an und sagt: „So ein Sonntag, der hat schon was, gell?“ Mit strahlendem Gesichtsausdruck blättert sie um. „Schau nur, das ist ja auf einmal alles so groß geschrieben. Und erst die großen Fotos.“ Begeistert klatscht sie wie ein kleines Kind in die Hände. „Das hatte ich schon lange nicht mehr. Ein ganz ein neues Lesegefühl.“

Die Nanni, die gerade um die Kurve linst, schaut mich fragend an.

„Frag lieber nicht“, maunze ich ihr zu. „Ich glaube, es liegt an diesem Lockdown.“

„Okay, alles klar.“



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