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Herr Feddersen und das Leben

Herr Feddersen lebte ein ausgesprochen geordnetes Leben. Er frühstückte jeden Tag um 7.00 Uhr, fuhr mit dem Bus zur Arbeit, erledigte diese akribisch und hielt sich penibelst an seine Pausenzeiten. Der Pförtner musste erst gar nicht von seiner Sportzeitschrift hochsehen, er wusste auch so, wer leise grüßend um 17.30 Uhr bei ihm vorbei huschte um nach Hause zu eilen. Der Busfahrer wurde stets mit einem „Schöner Abend heute“ begrüßt und je nachdem, was dieser antwortete, entspann sich ein kurzes Gespräch zwischen den Beiden. Die restliche Fahrzeit verbrachte Herr Feddersen auf SEINEM Platz sitzend Zeitunglesend. Er ging stets den gleichen Weg nach Hause. Nach dem Abendessen räumte er die Wohnung auf und schaute sich noch einen Film an. Um Punkt 23.00 Uhr ging Herr Feddersen ins Bett um am nächsten Morgen um 6.30 Uhr wieder aufzustehen. So gestaltete sich das Leben des Herrn Feddersen. Jahraus, jahrein.

                        

Bis zu jenem Tag im November. Da fühlte er sich beim Aufstehen irgendwie anders, so komisch. Sollte er noch etwas im Bett liegen bleiben? Oder heute einmal nicht zur Arbeit gehen? Nein, das kam überhaupt nicht in Frage. Hatte er heute Nacht etwas Ungewöhnliches geträumt und wirkte das noch nach? Sich am Kopf kratzend schlurfte er ins Bad. Wenn er den Bus nicht versäumen wollte, musste er sich beeilen.

War er jemals zu spät gekommen in all den Jahren? Oder hatte er gar einmal gefehlt? Wieder kratzte er sich am Kopf. Was war nur los mit ihm? Er fühlte sich nicht einfach nur komisch, sondern … alleine. Einsam. Das war jetzt aber nun doch mehr als seltsam befand Herr Feddersen. 

Lag es vielleicht an dem Film, den er gestern gesehen hatte? Er würde sich keine Familienfilme mehr ansehen, die schienen ihn zu verwirren. Also die Kinder in dem Film konnten nicht dieses merkwürdige Gefühl in ihm geweckt haben. Die waren nur laut und quengelig und äußerst mühsam, daran konnte es nun wirklich nicht liegen. Aber dieser Hund in dem Film, den hatte er als äußerst angenehm in Erinnerung. Ruhig, kompetent, zuverlässig, so wie man sich den idealen Hausgenossen vorstellte. Nun ja, falls man überhaupt einen Mitbewohner wollte.

Und wenn er sich auch ein Haustier anschaffte? Nur ein kleines, nichts Großes, Anstrengendes. Eher was Handliches, Hübsches. Aber wo bekam man so ein Tier her? Vielleicht in einem Tierheim?

Herr Feddersen schaute sich um. Jetzt erst bemerkte er, dass er noch immer im Pyjama im Bad stand. „Ach du meine Güte“, murmelte er. Er würde sich ausnahmsweise ein Taxi rufen. Sollte er vielleicht gleich beim Tierheim vorbeifahren und sich ein wenig umsehen? Nur so, um sich zu informieren? In die Arbeit würde er jetzt sowieso schon zu spät kommen.

                        

„Was möchten Sie sich denn für ein Tier ansehen?“ Die Tierheimleiterin schaute Herrn Feddersen freundlich ins Gesicht.

„Das weiß ich leider auch nicht. Was Kleines, Unkompliziertes. Ich arbeite den ganzen Tag.“ Herr Feddersen bereute hergekommen zu sein. Was für eine blöde Idee. Er und ein Haustier!

„Nun, vielleicht sollten wir gemeinsam herausfinden, welches Tier am besten zu Ihnen und Ihren Bedürfnissen passt. Wäre Ihnen das recht?“

„Ja, bitte.“ Feddersen saß wie auf Nadeln, aber er wollte nicht unhöflich sein. Dann würde er ja heute gar nicht mehr in die Arbeit kommen! Ob er Probleme deswegen bekommen würde? Würde es überhaupt jemand bemerken? Da war es wieder, dieses komische Gefühl, das ihm so fremd war. Diese Leere. Oder war es Traurigkeit?

                       

6.30 Uhr, der Wecker läutete. Herr Feddersen schwang seine Beine aus dem Bett, schlüpfte eilig in seine Pantoffel.

„Guten Morgen, Langschläfer! Herrchen kommt und bringt Futter.“ Mit einem Lächeln ging er in die Küche, holte eine kleine Dose aus dem Regal, öffnete sie und schüttete vorsichtig etwas von dem Inhalt auf einen Löffel. „Gutti, Gutti, Gutti!“, lockte er. „Wo sind denn meine kleinen Racker? Gutti, Gutti, Gutti!“ Durch die Scheibe des Aquariums sah er wie das Fischrudel auf ihn zu schwamm.

„Karlos, nicht so gierig. Susi, lass dich doch nicht immer wegschubsen. Fred, …“

 

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