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Ostern im Tierheim

 

Amelie ist total aufgeregt. Ihre Oma nimmt sie heute das erste Mal mit ins Tierheim. Oma hilft dort beim Käfig sauber machen und beim Tiere füttern. Manchmal fährt sie auch kranke Tiere zum Tierarzt. Regelmäßig geht sie mit Olli, dem alten Pudel, spazieren. Sein Frauchen lebt seit Kurzem im Pflegeheim und er hat sonst niemanden, der sich um ihn kümmert.

Als Amelie und Oma im Tierheim ankommen, hören sie ein lautes Jaulen und Bellen. „Das ist Olli“, sagt Oma. „Er weiß ganz genau, wann ich komme. Und er erkennt mich an meinen Schritten. Du wirst sehen, er mag dich sofort.“

Sie betreten einen schmalen Gang. Links und rechts sind Zimmer angelegt. Durch die Glasscheiben an den Türen sieht Amelie verschiedene Hunde. Manche leben alleine, manche sind zu zweit oder zu dritt. Einige von ihnen knabbern an großen Kauknochen, manche spielen mit Bällen. Andere wiederum schlafen selig auf ihrer Matratze oder einem Sofa, ein Stofftier fest in den Pfoten haltend.

 

Im letzten Raum sehen sie Olli. Er sitzt gleich hinter der Tür und winselt. Als er Oma durch die Glasscheibe sieht, wedelt er mit dem Schwanz, hopst aufgeregt im Kreis und bellt vor Freude.

„Olli ist so ein lieber alter Herr. Er mag ja nicht mehr weit gehen. Aber er liebt es, seine Schnauze in die Wiese zu stecken und herumzuschnuppern. Man muss nur aufpassen, dass er nicht alles frisst, was da so herumliegt. Da könnte er krank werden. Apropos frisst: Hier hast du Leckerlies. Die liebt er besonders gerne. Gib sie ihm aber nicht alle auf einmal. Er weiß, wenn er brav ist, kriegt er nach dem Spaziergang auch noch etwas.“ Vorsichtig öffnet Oma die Tür, umarmt Olli und streichelt ihm über seinen Kopf. „Schau, Olli, ich hab dir Besuch mitgebracht. Das ist Amelie. Sie geht heute mit uns mit.“

Es ist, als würde Olli jedes Wort verstehen. Neugierig beschnüffelt er Amelie. Zaghaft streckt sie ihm ihren Handrücken entgegen.

„Du darfst niemals einen Hund einfach so streicheln. Erst die Besitzerin fragen, ob das in Ordnung geht und dann nur den Handrücken hinhalten zur Begrüßung. Lass den Hund daran schnüffeln. Und dann, aber nur dann, darfst du den Hund streicheln“, hat ihr Oma mehrmals erklärt. „Und wenn ein Hund auf dich zurennt, bleib einfach ruhig stehen und schau ihm nicht direkt in die Augen. Hier bei uns gilt die Leinenpflicht und es ist nicht richtig, wenn die Leute ihre Hunde einfach überall herumrennen lassen. Viele sagen dann, er tut eh nichts. Wir wissen nicht, wie der Hund Fremden gegenüber reagiert, wenn er zum Beispiel aus irgendeinem Grund erschrickt. Es ist immer Aufgabe der Besitzerin, auf ihr Tier zu achten. Leider vergessen das einige manchmal.“

 

„So, Olli, komm.“ Oma legt dem Pudelrüden sein Brustgeschirr und die Leine an. An der Leine hängt eine kleine Plastikdose. „Siehst du, hier drinnen habe ich die sogenannten Kacki-Sacki. Die gibt es meistens in Parks oder in Hundezonen zur freien Entnahme, kosten also nichts. Immer den Mist deines Hundes wegräumen, egal wo du spazieren gehst. Ich finde es unverzeihlich, wenn man im Park durch Hundekacke waten muss, nur weil die Besitzer zu faul zum Einsammeln sind.“ Oma tätschelt Ollis Kopf. Dieser strahlt sie regelrecht an, freut er sich doch schon auf den gemeinsamen Spaziergang.

Kaum verlassen sie das Tierheim, saust Olli auch schon fröhlich durch die Gegend. Oma hat extra die lange Leine mitgenommen. Wenn man ihn so herumrennen sieht, glaubt man gar nicht, dass Olli bereits zwölf Jahre alt ist.

 

​„Oma, darf ich Ollis Leine halten.“ Amelie streckt ihre Hand nach der Leine aus. „Ich pass auch gut auf ihn auf.“

Oma gibt Amelie die Leine. „Halt sie aber gut fest. Wir sind noch nicht auf der Hundewiese und es kann gefährlich für ihn werden, wenn er wild durch die Gegend rennt.“

„Omi, kann ich mir auch einen Hund mitnehmen das nächste Mal zum Spazierengehen?“

„Amelie, ich glaube, dafür bist du zu jung. Da müssen wir nachfragen im Tierheim, wie alt man dafür sein muss. Ich habe einen kleinen Kurs besuchen müssen, indem ich alles Notwendige über Hunde gelernt habe. Wie sie sich verhalten, wie man sie richtig lobt und so alles. Und erst danach durfte ich mit Olli spazieren gehen.“

„Aber ist es nicht traurig, dass er dann wieder zurück muss ins Tierheim?“

„Nun ja, Amelie, sicher. Ein wenig zumindest. Aber solange er kein eigenes Zuhause hat, ist es ihm sicher lieber mit mir spazieren zu gehen und die gemeinsame Zeit zu genießen, als immer im Tierheim sein zu müssen. Obwohl, das muss ich schon sagen, die Betreuerinnen unternehmen sehr viel mit den Tieren. Sie spielen mit ihnen, sorgen sehr gut für sie und haben sie ganz doll lieb.“

 

Als Oma und Amelie ins Tierheim zurückkommen, wartet bereits eine Nachbarin von Ollis ehemaligem Frauchen auf sie. „Ich hab Ollis Frauchen versprochen nach ihm zu schaun. Ich soll ihr ein Foto von Olli mitbringen.“ Sie sucht in ihrer großen Tasche nach ihrem Handy. „Ich darf doch, oder?“ Sie knipst wie wild darauf los und fotografiert Olli von allen Seiten, von oben und beinahe auch von unten. Keuchend hält sie inne. „So, jetzt brauch ich Hilfe beim Aufstehen.“ Sie lacht. „Was muss ich mich auch hinunter zu Olli begeben, wenn ich ganz genau weiß, dass ich alleine nie wieder hochkomme.“

Oma hält ihr die Hand hin. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

„Danke. Wissen Sie, ich habe die letzten Wochen im ganzen Wohnkomplex Geld und Futter gesammelt für Olli und die anderen Tiere hier im Tierheim. Als Ostergeschenk. Sogar auf dem Markt war ich, um frische Kräuter für die Kaninchen zu kaufen. Ich wusste ja gar nicht, dass hier so viele Hamster wohnen. Und sogar ein Papagei. Auf alle Fälle bin ich überrascht, wie viele verschiedene Tiere Hilfe benötigen. Und ein Aquarium gibt es hier auch. Ist das nicht furchtbar? Es gibt sogar irgendwo ein Reptilienheim, hab ich mir sagen lassen. Die armen verlassenen Tiere. Wissen Sie, ich bin ja auch schon sehr alt und tu mir schwer beim Gehen, darum kann ich ihn ja nicht zu mir nehmen, den Olli. Und die Nachbarn haben alle keine Zeit für ihn. Die Verwandtschaft wohnt weit weg und so hab ich ihn im Auftrag von seinem Frauchen hierhergebracht, den armen Olli. Aber ich sehe ja, dass es ihm gut geht.“

 

„Mama, Amelie“, ertönt da eine Stimme. Alle drehen sich in die Richtung, aus der sie kommt. Amelies Mutter steht in der offenen Bürotür der Tierheimleiterin und lächelt.

Amelie glaubt, sie sieht nicht richtig. „Mama? Wolltest du mit uns spazieren gehen? Wir kommen aber gerade zurück. Jetzt musst du auf das nächste Mal warten. Ich glaube, Olli hat genug für heute.“

„Nein, ich wollte euch nur sagen, dass wir Olli mit nach Hause nehmen dürfen. Ich hab alles mit der Tierheimleiterin besprochen.“

Amelie kann gar nicht glauben, was sie da hört. „Aber, ihr habt doch gesagt, wir haben keine Zeit für einen Hund.“

„Ich hab mit Papa geredet. Er sagt, wenn Oma uns hilft und gemeinsam mit uns für Olli sorgt, dann sieht er kein Problem. Olli soll halt nicht die ganze Zeit alleine zu Hause herumsitzen und traurig sein, während wir arbeiten und du in der Schule bist. Und für uns wäre sowieso nur ein Tier aus dem Tierheim in Frage gekommen. Warum also nicht gleich Olli?“

„Oma?“ Amelie sieht ihre Oma überrascht an.

„Ja, darum hab ich dich heute mitgenommen. Ich hoffe, Olli gefällt dir. Er ist halt kein Jung-

spund mehr.“

„Oh, das ist das schönste Ostergeschenk überhaupt! Der Osterhase hat meine Gebete erhört!“ Amelie umarmt Olli. „Hast du gehört? Du darfst mit zu uns nach Hause kommen. Oma und ich sind jetzt deine neuen Frauchen.“

Die Nachbarin von Ollis altem Frauchen schnäuzt sich ganz laut und wischt sich Tränen aus den Augen. „Also, wenn ich das der Frau Meier erzähle! Darf ich bitte ein Foto von Amelie, Oma und Olli für sie machen? Endlich wird sie nicht mehr traurig sein, dass Olli im Tierheim leben muss, sondern ein schönes neues Zuhause bekommt.“

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©2019 by Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin. Proudly created with Wix.com

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