• roswithazatlokal

14.04.2021


Liebes Tagebuch,

du wunderst dich sicher, dass deine Seiten unbeschrieben bleiben. Aber es passiert nix. Zumindest nicht viel. Je länger dieses Corona-Dings andauert, desto öder ist es. Sagt zumindest die Nanni. Mir ist das ja eigentlich wurscht. Ich sehe da nicht so viel Unterschied zu vorher. Nur, das halt nix passiert.


Die Braungestreifte tigert schon seit einer Stunde total nervös durch die Wohnung. Sie schnuffelt alles an, grummelt unverständliches Zeug. Ist total wuschi.

„Suchst du etwas?“ Ich frage aus reiner Höflichkeit, bereue es aber gleich wieder. Am Ende bittet Sie mich noch, ihr zu helfen.

„Ja, meine Schlange ist weg.“ Sie räumt ein Spielzeug nach dem anderen aus der Spielzeugtruhe, legt alles übersichtlich nebeneinander vor sich auf den Boden.

„Unsere Schlange ist weg?“ Irritiert erhebe ich mich.

„Ja, MEINE Schlange ist weg. Die war doch vorhin noch da, gleich neben der Spielzeugkiste.“ Sie dreht jedes Spielzeug einzeln um, ganz so als erwarte sie, darunter unsere Schlange zu finden.

„Na, das ist aber komisch. Vielleicht hat sie der Bertl irrtümlich woanders hingelegt, der hat doch die ganze Zeit damit gespielt. Am besten du fragst ihn, wenn er wieder kommt.“

„Der Bertl?“ Mit zusammengekniffenen Augen fixiert mich die Nanni. Angst steigt in mir hoch. Gleich tackert sie mich mit ihrem Blick an die Wand. Plötzlich löst sie ihren Blick, düst durch die Katzenklappe hinaus. Ich spüre regelrecht, wie ich langsam die Wand hinunter rutsche und am Boden liegen bleibe.


Ich bin am Einnicken, da flitzt Diego mit Getöse durch unsere Katzenklappe.

„Schnell, Hanni, du musst sofort kommen.“ So wie der keucht, muss er ganz schön gerannt sein.

„Wieso denn?“

„Die Nanni … Sie ist außer Rand und Band … Ihre Schlange …“ Diego bricht neben mir auf der Couch zusammen.

„Hat er sie gemopst?“ Ungläubig starre ich ihn an.

„Nein. Ja. Ausgeborgt. Du kennst ihn ja. Sie zerfleischt ihn. Schnell, komm mit.“

„Aber, ich geh doch so ungern aus unserem Garten hinaus.“ Verzweifelt klammere ich mich an meinem Kuschelposter fest.

„Tu es für den Bertl“, zischt mich Diego an.

Widerwillig trabe ich hinter ihm her. Der kalte Wind verbläst mir meine Schnurhaare, Regentropfen platschen auf mein frisch geputztes Fell. Mit Entsetzen sehe ich Diego durch gatschige Wiesen vor mir herlaufen. Ich versuche verzweifelt den Hindernissen auszuweichen. Natürlich erfolglos.

„Komm schon!“, brüllt mich Diego gegen den Wind an. „Zier dich nicht so. Es geht schließlich um Leben und Tod.“

„Ja, um mein Leben. Mit Sicherheit verkühle ich mich. Und ob ich die Flecken jemals wieder aus meinem Fell rauskrieg, ist auch zu bezweifeln.“ Mir ist zum Heulen.

Endlich kommen wir bei Diego an. Schon am Gartentor höre ich meine Möchtegern-Schwester kreischen. Sie tobt, ihre Pfote patscht wütend gegen die Scheibe der Terrassentür. Dahinter steht ein verdatterter, nein verängstigter, Bertl und versucht, sie zu besänftigen.

„Nanni, das war doch keine Absicht. Selbstverständlich kriegst du deine Schlange wieder.“

„Dann komm heraus und gib sie mir.“

„Erst musst du dich beruhigen.“

„Feigling.“ Nanni stellt sich auf die Hinterpfoten. Sie wirkt riesig. Noch nie hab ich sie so aufgebracht erlebt. Ich kriege Angst, möchte am liebsten gleich wieder umdrehen.

„Du bleibst gefälligst da“, zischt Diego. „Tu gefälligst etwas. Ich will wieder hinein ins Warme. Der Bertl hat den Eingang verrammelt wegen der Nanni.“

„Pfff! Ich versuch es.“ Vorsichtig nähere ich mich der tobenden Nanni. „Nanni?“

„WAS!!!“ Mit funkelnden Augen schaut sie mich an.

„Wäre es nicht besser, der Bertl schiebt die Schlange bei der Klappe heraus und wir gehen wieder heim?“

„Genau das verlange ich die ganze Zeit. Aber er traut sich ja nicht.“

„Nun ja, du bist ein wenig … aufgebracht, das scheint ihn zu beunruhigen.“

„PAH!“

„Nanni, ich geb dir die Schlange. Ehrlich. Es tut mir ja sooo leid. Ich war in Gedanken und hab sie einfach mitgenommen.“ Zerknirscht drückt Bertl seine Nase an die Scheibe.

„Am Montag bringst du zur Wiedergutmachung ein paar Leckerlis mit zum Yoga, verstanden?“

„Ja, klar. Hier.“ Vorsichtig zwängt Bertl die Schlange durch einen Mini-Spalt in der Katzenklappe. Mit ausgefahrenen Krallen schnappt die Nanni danach.

„Au!!! Nanni, was tust du?“ Bertl pustet hektisch auf seine Pfote.

„Oh, hab ich dich erwischt? Entschuldige. Das war keine Absicht“, säuselt sie zuckersüß.

Man sieht ihm die patzige Antwort, die ihm auf der Zunge liegt, an. Aber er beherrscht sich.

„Natürlich nicht. So etwas kann schon einmal passieren. Hat auch fast gar nicht weh getan“, säuselt er. Sogar durch die Glasscheibe sehe ich die Schweißtropfen auf seiner Stirn.

„Am Montag zum Yoga?“ Nanni grinst breit, beinahe liebenswürdig.

„Ja, bis Montag.“

„Komm, Hanni. Dir ist sicherlich kalt“, pflaumt sie mich an und rauscht an mir vorbei. Ich winke Diego und Bertl zum Abschied und folge ihr.


Zu Hause angekommen legt sie die Schlange achtlos in die Spielzeugtruhe. Sie selbst macht es sich auf der Couch gemütlich, putzt sich ausgiebig das nasse dreckige Fell.

„Siehst du, Hanni, so macht man das“, gurrt sie zufrieden. „Du musst ihnen nur zeigen, wer das Sagen hat.“ Zufrieden schließt sie ihre Augen und schläft ein.


Fassungslos sitze ich auf Fraulis Lieblingssessel. Dieses Gezeter war nur Show? Und deswegen habe ich mein warmes Zuhause verlassen? Mich voll dreckig gemacht?


Ich muss kichern. Der ehrfurchtsvolle, beinahe ängstliche Blick der Burschen! Und dass Diego aus Angst um seinen Bruder sogar mich zu Hilfe geholt hat! Das ist schon eine Nummer, meine Schwester. Also Möchtegern-Schwester. Hihi!




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