• roswithazatlokal

16.10.2020


Liebes Tagebuch,

heute ist so ein richtiger Faulenzertag. Und das find ich echt schön.

Die Nanni meint ja, bei mir ist jeder Tag ein Faulenzertag. Aber das stimmt nicht. Die ist nur neidisch, weil ich meine innere Mitte gefunden hab. Ich ruhe quasi in mir selbst.


Und das ist gar nicht so schwer, wie man vielleicht denkt. Du legst dich einfach hin, schließt deine Äuglein und sagst dein Mantra.


Was ein Mantra ist? Nun, die im Fernsehen haben gesagt, du legst dir ein Sprüchlein zurecht, sagst, was du gerne hättest. Du musst dir das so lange vorsagen, bis du es verinnerlicht hast. Und mit der Zeit erfüllt sich das, was du dir vorsagst.


Mein Mantra: „Frauli gibt mir ab sofort viele Leckerlis.“


Im zweiten Schritt haben die im Fernsehen dann aber gesagt, es darf nichts sein, was jemand anderer für einen macht. Es muss etwas sein, was man selber bewerkstelligen kann.


Mein Mantra: „Ich habe Zugang zu allen Leckerlis.“


Am Ende haben die im Fernsehen dann einige Beispiele genannt. Da ging es um inneren Frieden, Seelenheil, Selbstwert und so. Kein einziges Wort über Guttis. Also so etwas, wie: „Ich bin es wert, geliebt zu werden.“ Weil, so sagen die im Fernsehen, man muss sich selbst lieben, dann wird man auch geliebt werden.


Mein Mantra: „Ich bin es wert, viele Leckerlis zu bekommen.“


Ich lieg also auf der Couch, halte die Augen geschlossen und murmle: „Ich bin es wert, viele Leckerlis zu bekommen. Ich bin es wert, viele Leckerlis zu bekommen. Ich …“


„Was machst du da?“, reißt mich die doofe Nuss aus meiner Meditation.

„Ich meditiere, sage mein Mantra und werde ausgeglichen und glücklich. Und kriege ganz viele Leckerlis“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Du machst was?“

„Verstehst du so wieso nicht. Geh Mäuse fangen oder was du sonst auch immer machst.“

„Ich bin es wert, dass viele Mäuse zu mir kommen.“ Die blöde Kuh kringelt sich vor Lachen.

„Ja, lach du nur. Dir wird das Lachen vergehen, wenn ich die Belohnung für meine Mühe erhalte. Ich reinige meinen Geist, sorge für mein Wohlbefinden.“

„Aha.“ Die Nanni liegt mit verschränkten Vorderpfoten vor mir auf der Couch. „Und wenn du dir das oft genug vorsagst, kommen die Leckerlis zu dir?“

„Mehr oder weniger.“

„Eher weniger, würde ich sagen.“ Sie kichert.

„Du verstehst das nicht. Dafür müsstest du in einer höheren Ebene beheimatet sein.“

„Ja, klar. Wart, ich geh schnell in den ersten Stock hinauf.“ Vor lauter Lachen kullern ihr Tränen über die kackbraunen Wangen.


„Hanni, Nanni! Ich bin wieder da. Wollt Ihr ein Gutti?“

„Na, hab ich zu viel versprochen?“ Triumphierend sehe ich die doofe Nuss an. „Glaubst du mir jetzt?“

„Aber das Leckerli hätten wir doch auch bekommen, wenn du hier nicht herumgelungert wärst und nicht deinen Singsang von dir gegeben hättest.“ Nanni kratzt sich mit der linken Hinterpfote das rechte Ohr.

„Woher willst du das wissen, Ungläubige?“

„Äh, weil wir meistens ein Gutti kriegen, wenn Frauli einkaufen war?“

„Vielleicht war sie ja einkaufen, gerade WEIL ich meditiert habe“, fauche ich sie an.

„Äh?“ Sie starrt mich mit weitaufgerissenen Augen an, was ihre Glubschaugen zu gewaltigen Kugeln heranwachsen lässt.

„Es könnte doch auch sein, dass ich mit meinem Mantra mehr bewege, als du es dir in deinem kleinen Hirn vorstellen kannst.“

„Du glaubst wirklich, was du da sagst?“ Sie kratzt sich mit der rechten Hinterhaxe das linke Ohr.

„Vielleicht solltest du ein Mantra aufsagen, was dich von deinem Juckreiz befreit." Ich kehre ihr den Rücken zu. "Du brauchst mir nicht zu danken, Tigerlady.“ Hocherhobenen Hauptes lasse ich die dumme Kuh alleine auf der Couch zurück und schlendere in die Küche.


„Beinahe hätte ich Eure Guttis vergessen“, Frauli tätschelt meinen Kopf. „Nanni, wo bleibst du?“

Mit einem breiten Grinsen drehe ich mich der doofen Nuss zu. „Na? Wer ist jetzt die Blöde?“

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