• roswithazatlokal

06.06.2020


Liebes Tagebuch,

die Hanni war heute total gemein zu mir.


Ich lieg also mutterseelenalleine in der Wiese und döse glückselig vor mich hin. Weißt du, ich lieg da immer unter dem einen Gebüsch, gleich dort wo die Vogerl ihr Futter hängen haben. Ich liebe es, mit ihrem Gezwitscher einzuschlafen. Das solltest du einmal ausprobieren, das ist echt klasse.

Ich hab ja nicht einmal etwas gehört. Oder gesehen. Auf einmal werde ich von hinten angesprungen und krieg gleichzeitig eine übers Gesicht gewixt, dass es mir die Tränen waagrecht raushaut. Erschrocken drehe ich mich um und sehe noch, wie die Hanni schnell zur Seite hopst. Sie tut total auf unschuldig, riecht pro forma an einer Blume.

Ich laufe in Panik zu Frauli und zeig ihr vorsorglich den Mordskratzer. Frauli tröstet mich ganz lieb. Sie versorgt mich mit vielen Bussis und wascht mit Kamillentee die Wunde aus. Jetzt lieg ich auf dem von Frauli hergerichteten Bett auf der Terrasse und schone mich so gut es geht. Frauli meint, nicht, dass mir schwindlig wird oder so. Sie legt mir ein paar Leckerlis neben das Bettchen und stellt mir ein Schälchen Milch dazu. Ich soll mich ordentlich auskurieren, damit ich bald wieder fröhlich hinter den Mäusen herjagen kann, sagt Frauli. Und so liege ich da und warte, dass der Kratzer verheilt.

Liebes Tagebuch,

es hat heute wieder einen Tamtam gegeben wegen Nichts. Ich sag dir. Aber vielleicht von Anfang an:


Ich spaziere gemächlich durch den Garten, beschnuppere die Blümchen, beobachte die süßen Krabbeltiere – und da liegt sie. Die Nanni. Ha, denk ich mir, da erlaub ich mir jetzt aber einen Spaß. Vorsichtig schleich ich mich an, stelle mich und meinen stromlinienförmigen Körper auf Angriff ein. Mein Popschi wackelt total aufgeregt in alle Richtungen, meine Schnurrhaare zittern vor Anspannung. Ich krümme mich zusammen, stoße mich mit den Hinterbeinen mit Schwung und Eleganz in Richtung Nanni ab, lande punktgenau auf ihrem Rücken. Sie dreht sich mit einem Schrei zu mir herum, faucht mich fuchsteufelswild an. Und genau in diesem Moment passiert es. Meine Kralle erwischt sie versehentlich beim Auge, hinterlässt eine Mini-Spur im Fell. Wirklich ganz winzig. Das siehst du nur unter einem Mikroskop. Außerdem ist die Nanni selber schuld, dass ich sie bei meinem Spielversuch verletzt habe. Hätte sie sich nicht so plötzlich umgedreht, wäre gar nix passiert. Das sieht die natürlich anders, die dumme Nuss. Flennend rennt sie zu Frauli auf die Terrasse und verpetzt mich. Eh klar, oder? Ich tu so, als ginge mich das gar nix an, widme mich intensivst wieder meinem Studium der Blumen und Schmetterlinge.

„Hanni?“ Tralala. „Hanni, jetzt tu nicht so. Du weißt genau, dass ich hinter dir steh.“ Ich grinse Frauli höflich an. „Hanni, musst du sie immer sekkieren?“ Guck doch nur, da sitzt eine kleine Heuschrecke in der orangen Blume. „Was soll ich nur mit dir tun?“ Mit mir?

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