• roswithazatlokal

31.07.2020


Liebes Tagebuch,

heute ist ein ganz ein grauslicher Tag. Wir sind alle drei total traurig und entsetzt.

Wir müssen unseren wunderschönen blühenden, schattenspendenden Riesenstrauch wegschneiden. Seine Stütze ist altersbedingt und aufgrund seiner Schwere unter ihm zusammengebrochen, er selbst dadurch eingeknickt und einsturzgefährdet.


Frauli ist ganz fertig deswegen. Sie hat Angst, dass die hundert Vogerl, die in dem Strauch wohnen, alle obdachlos werden. Und sie fragt sich, wie die Bienen jetzt zu ihrem Nektar kommen, wenn die Blütenpracht nicht mehr da ist.


Und die Nanni und ich sind ganz darnieder, weil ja dann unsere Liege in der prallen Sonne steht, wenn Frauli uns den Schirm nicht aufspannt. Hach, der Garten wird nie mehr derselbe sein.


Wir sind noch im Nachthemd als der Gärtner anruft und sich ankündigt. Schnell huschen wir ins Bad. Duschen, Zähne putzen, Haare kampeln. Man kann ja schlecht stinkig oder unfrisiert die Tür öffnen.


Die Nanni und ich sitzen gerade beim Frühstück, Frauli beim Kaffee, als es läutet. Der Gärtner ist da. Ich vergesse sogar, in meine Bettzeuglade zu flüchten, bleibe dichtgedrängt bei Frauli.

Der Gärtner besieht sich den Schaden, schleppt Motorsäge, Leiter und allerlei Zeugs in den Garten. „Jetzt wird es laut“, warnt er uns, setzt sich komische Dinger über die Ohrwaschel und greift nach der Säge.


Also laut ist ja noch sehr human ausgedrückt. Die Säge kreischt und lärmt, dass es einem schlecht wird. Oder ist es der Strauch, der jammert und fleht? Ich sehe Frauli an, dass es ihr wie uns geht. Wir drei leiden mit dem Strauch mit. Ob man ihn vielleicht doch hätte retten können? Aber würde ihn der Gärtner einfach niedermetzeln ohne Grund? Nein, er ist geknickt, kurz vor dem Zusammenbruch. Der Strauch, nicht der Gärtner. Trotz zig wunderschöner orangen und roten Trichterblüten muss der Gärtner ihm den Todesstoß versetzen.


Wir versuchen uns abzulenken. Die Nanni und ich sitzen eng an Frauli gekuschelt. Einerseits spenden wir ihr Trost, andererseits gibt sie uns Sicherheit. Draußen lärmt der Gärtner mit der Säge. Der Strauch fällt, riesige Felder mit grünem Blattwerk und orange-roten Blüten fallen mit ihm zu Boden.

„Jetzt ist er tot“, murmelt Frauli.

„Ja“, antworten Nanni und ich. Aber Frauli bemerkt es nicht einmal. Sie drückt ihr Gesicht in mein Fell, streichelt der Nanni übers Köpfchen. Wir sind heute so traurig, dass wir sogar vergessen zu streiten.


Der Gärtner entsorgt unseren Strauch, verabschiedet sich, versucht Frauli ein wenig aufzumuntern und geht wieder. Wir starren zu dritt auf die Riesenlücke, die durch seine Arbeit entstanden ist. Kein Sichtschutz für die Terrasse mehr, kein Sonnenschutz für die Liege. Alles irgendwie trostlos und leer.


Frauli will das Vogelfutter auffüllen, falls die Vogerl doch zurück kommen. Dabei entdeckt sie im Behälter mittendrin gerade noch rechtzeitig eine wunderschöne Schnecke mit ihrem braungemusterten Haus. „Ups, jetzt hätte ich sie fast unter dem Futter begraben. Wie die wohl da hinein gekommen ist? Schaut nur, wie schön sie ist.“ Neugierig beobachten wir Fraulis Befreiungsaktion. Zufrieden gucken wir der Schnecke nach, wie sie langsam durchs Gras davonkriecht. Wenigstens sie hat überlebt.


Wir hängen das Vogelfutter an seinen Platz, verstreuen die Hälfte dabei auf der Erde. Alle drei zucken wir nur mit den Schultern, verlassen geknickt den Garten. Uns ist nicht nach Draußen sein. Wir wollen es gar nicht sehen, dieses Desaster.


Ausnahmsweise sitzen wir zu dritt auf Fraulis Lieblingssessel, lesen gemeinsam die Zeitung. Oder versuchen es zumindest. „Hanni, Nanni, schaut einmal. Da draußen!“ Frauli zeigt hinaus. Bei der Futterstation, auf dem Boden, in den restlichen Sträuchern – überall sitzen Piepmatze und zwitschern fröhlich. Und futtern. „Mah, sie sind wieder da.“ Fraulis Stimme klingt ganz gerührt. Sie seufzt. „Hoffentlich wächst der Strauch ganz schnell wieder nach. Dann haben die Vogerl wieder ein Zuhause und wir Schatten. Und die Bienen ihren Nektar.“

„Ja“, schnurren auch wir ergriffen.


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