• roswithazatlokal

29.06.2020


Liebes Tagebuch,

unser Garten ist sooo schön. Besser gesagt, wäre schön, wenn da nicht eine winzige störende Kleinigkeit wäre.

Du kannst dir schon denken, worauf ich hinaus will. Genau, die Nanni.


Ich meine, wieso muss die auch immer draußen sein, wenn Frauli und ich draußen sind? Kann die dumme Nuss nicht einfach ihres machen und wir machen unseres? Aber nein, die hechelt hinter Frauli her wie ein liebeskranker Kater.


Es wäre so herrlich auf der Liege ohne dieser gestreiften Katze. Wir hätten gleich viel mehr Platz, Frauli und ich. Und ich müsste nicht ständig alles teilen mit der.


Die behaupten ja alle, sie wäre meine Schwester. Aber ob das stimmt? Ich war ja noch klein, wie die auf die Welt gekommen ist. Woher soll ich wissen, ob meine Mama wirklich ihre Mama ist?

Die ist nie irgendwie negativ aufgefallen. Hat sich brav den Popo putzen lassen, ist nie ausgebüxt, hat brav ihre Milch getrunken.

Ich dagegen hab ständig Schimpfe bekommen. Genau wie heute. Frauli sagt ja auch immer, ich wäre frech und schlimm. Dabei stimmt das gar nicht. Ich bin nur etwas aufgeweckter. Und mein Vokabular ist ausgereifter wie das von der Nanni. Es gibt eben kommunikative Miezekatzen und weniger kommunikative. Kann ich was dafür, dass die dumme Nuss ihr Maul nicht aufkriegt?


Jetzt ist sie auch noch auf dem Magertrip. „Du wirst ja immer dünner, Nanni“, hör ich mindestens einmal am Tag von Frauli. Ich meine, hallo, müssen wir jetzt alle diesen Schlankheitswahn mitmachen? Wer will denn schon einen Knochenhaufen streicheln? Pfff! Man kann es auch übertreiben sag ich dir, liebes Tagebuch. Wer rennt denn bitteschön freiwillig bei dieser Affenhitze durch die Gegend wegen ein paar Mäusen, wenn die Schüssel daheim immer gut gefüllt ist? Und wer möchte schon ständig auf irgendeinem Baum hocken und Vögel beobachten? Das kann ich von hier herunten genauso gut.


Ich glaube ja, die Nanni ist ein Findelkind. Die haben sie dann der Mama einfach dazugelegt und gutmütig wie die nun einmal war, hat sie sie halt großgezogen. Anders kann ich mir das gar nicht vorstellen. Weil, wir sind doch so verschieden, die Nanni und ich. Okay, da spielt unser Papa sicher auch eine Rolle. Aber so stark? Den Papa hab ich ja nie gesehen, aber die Mama hat immer gesagt, dass er einer dieser Herzensbrecher war. Ein Streuner und Vagabund – extrem gutaussehend. Und da ist sie halt schwach geworden.


Auf alle Fälle wäre es bei uns viel schöner, wenn sie nicht ständig da wäre, die Nanni.


Obwohl … gestern hat sie den roten Kater verjagt. Oder zumindest hat sie ihn aufgehalten. So lange bis ich durch die Katzenklappe durch und in Sicherheit war. Erst dann ist die Nanni losgerannt, der Rote hinter ihr her. Er hat sie wirklich nur ganz knapp verfehlt.

Hm, vielleicht ist es doch ganz gut, wenn man nicht alleine ist und eine Schwester hat.

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