• roswithazatlokal

29.05.2020


Liebes Tagebuch,

ich kann mich nicht mehr zurückhalten. Ich muss es einfach tun. Ja es ist strengstens verboten, aber der Drang ist einfach stärker.


Am besten ich versteck mich hinter der Bank und schau einmal, was Frauli macht. Ah, sie sieht sich einen Film an, lacht, mampft Soletti und ist total abgelenkt vom Geschehen im Raum. Das ist gut. Sehr gut sogar.


Langsam schleiche ich aus meinem Versteck, husche lautlos unter dem Glastisch durch und tripple rüber zur Couch. Vor der Couch setze mich in Position, strecke meine Krallen heraus und versenke sie genußvoll in den Stoff. Aaaah, das tut gut. Ich zupfe und rupfe, mein Popsch zuckt aufgeregt hin und her, meine Augen schließen sich in Ekstase und ich spüre wie sich Verzückung auf meinem Gesicht breitmacht. Das ist sooo schön.


„Hanni!“ Mein Körperspannung läßt nach, einzig meine Krallen bewahren mich vor einem Absturz. „Haaaannnniiii! Spinnst du jetzt total?“ Scheiße, sie hat mich erwischt. Verlegen grinse ich sie an. Wenn ich Glück habe, findet sie das jetzt süß und nichts weiter passiert. „Hanni, du ruinierst die Couch. Was haben wir über das Kratzen gesagt? Kratzbaum im Haus, Kratzhölzer auf der Terrasse, Bäume im Garten.“ Ja, ja. Immer die selbe Leier. Frauli hat doch keine Ahnung, wovon sie da spricht. Die kann doch den Kratzbaum nicht mit der Couch vergleichen! Das ist ja so, als würde man ein Wursti mit einer Fliege gleichstellen. Du weißt schon, liebes Tagebuch, dass das Wursti das Gutti ist und die Fliege bäh schmeckt? Nur, damit es da zu keinen Mißverständnissen kommt.

Und was heißt Terrasse oder Garten? Es ist echt kalt draußen heute. Wer geht denn da schon freiwillig hinaus, bitteschön? Außer der Nanni natürlich. Fräulein „Ich-bin-so brav“ würde es ja niemals einfallen, an Möbel zu kratzen. Diese hinterhältige Nudel. Und da kommt er auch schon, der berühmt-berüchtigte Satz: „Kannst du nicht einfach, so wie die Nanni, draußen deine Krallen schärfen?“ Nein, kann ich nicht. Und will ich auch gar nicht. Böse funkle ich zuerst Frauli und dann Nanni an. Die blöde Kuh liegt auf Fraulis Lieblingssessel und tut so, als würde sie nichts mitbekommen. Am liebsten würde ich ihr eine runterhauen.


Aber vielleicht sollte ich es nicht übertreiben. Ob ich einfach nochmals ganz lieb schaue? Ich ziehe meine Krallen ein, lass mich zu Boden fallen. Schnurrend umschmeichle ich Fraulis Beine. Frauli tätschelt meinen kopf und murmelt was von „hab dich eh lieb“. Na bitte, geht doch.

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