• roswithazatlokal

28.08.2020


Liebes Tagebuch,

ich bin`s, die Nanni! Wie ich gelesen hab – ja ich lese dich regelmäßig – weißt du ja schon, dass unser wunderschöner riesiger Strauch eingeknickt ist. Frauli ist ganz fertig deswegen. Der Strauch hat herrliche große Blüten. Im Sommer torkeln lauter beschwipste Bienen durch die Gegend, so viel Nektar finden die bei uns. Und unter den vielen Blättern im Labyrinth der Zweige hocken mindestens an die hundert Vogerl. Sagt Frauli. Und jetzt ist der Strauch kaputt. In unserer Verzweiflung haben wir sogar den Gärtner deswegen angerufen.


Also es läutet und wie üblich saust die Hanni die Stufen hoch, düst ins Schlafzimmer, versteckt sich in der Bettzeuglade. Frauli öffnet, der Gärtner und seine Assistentin stehen vor der Tür. Wieso ich weiß, was eine Assistentin ist? Na, vom Tatort weiß ich das. Da haben die Kommissare immer einen Mann oder eine Frau dabei, die die ganze Arbeit macht. Und die nennen sie dann Assistentin. Und unser Gärtner hat auch so jemanden. Ergo, nicht nur Kommissare lassen arbeiten.


Glaubst du eigentlich, dass wir zu viel fernsehen, die Hanni und ich? Wir schauen aber nicht nur Filme wie den James Bond und so. Nein, wir gucken auch ganz viele lehrreiche Filme. Letztens zum Beispiel war der Pate. Hast du gewusst, dass die auf Sizilien die Mafia haben? Oder dass der Nils Holgersson mit den Wildgänsen mitgeflogen ist? Fernsehen bildet enorm sag ich dir. Da lernst du was fürs Leben.


Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, der Gärtner und seine Assistentin sind da. Frauli jammert bei ihrem Anblick gleich los: „Der schöne alte Strauch … die vielen Blüten … die armen Vogerl …“


Gemeinsam gehen wir hinaus in den Garten, besehen uns das Malheur. Wir überlegen hin und überlegen her. Der Gärtner macht Vorschläge, wir hören zu. Schließlich sagt Frauli: „Denken Sie dabei aber bitte auch ein bisserl an mein Geldbörsel.“


Frag mich nicht, wieso sie bei der Strauchbesprechung dem Gärtner ihr Geldbörsel ans Herz legt, liebes Tagebuch. Zu meiner Verwunderung antwortet der Gärtner: „Ja, natürlich. Da schauen wir schon drauf. Da profitieren wir ja alle davon.“ Was zum Teufel hat der Strauch mit Fraulis Geldbörse zu tun? Und erst der Gärtner?


Die Beiden verabschieden sich schließlich und Frauli und ich bleiben grübelnd zurück. „Ich fürchte, das wird teuer, Nanni. Da müssen wir den Gürtel enger schnallen. Der neue Zaun ist auch fällig.“ Neuer Zaun? Und welcher Gürtel? Ich besitze gar keinen Gürtel. „Egal, dafür haben wir es bald ganz schön hier, wirst sehen.“ Wir grinsen uns an. „Wo ist eigentlich deine Schwester? Wieder in der Bettzeuglade?“ Ich nicke. „Hast du eben genickt?“ Nein. „Holst du sie?“ Aber klar doch, für dich doch immer. Ich dreh mich um und geh die Stufen hoch. „Ach du meine Güte! Die geht echt hinauf und holt ihre Schwester! Ich glaub, ich muss mich hinsetzen.“


Ich sag jetzt besser nix dazu, dreh mich auch gar nicht um. Alles andere würde sie nur noch mehr verwirren, die arme ahnungslose Frau.

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