• roswithazatlokal

27.07.2020


Liebes Tagebuch,

schau einmal, wie doof die Nanni dreinschaut. Ganz so, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Dieses falsche Luder aber auch. Macht auf Liebkind und umsäuselt Frauli, als bestehe das Leben nur aus Zuckerwatte. Oder Fisch. Na, halt aus was ganz was Leckerem.


Und dabei ist es ganz alleine mein Verdienst, dass Frauli heute so fröhlich ist. ICH empfange sie nach der Arbeit bei der Tür. Von mir wird sie beim Schuhe ausziehen abgeschnuddelt. Und ICH beschmuse ihre Sachen, wenn sie sich umzieht. ICH und nicht die dumme Nuss sorge bei uns für Wohlbefinden und Fröhlichkeit. Wenn ICH nicht wäre, sähe es hier ganz schön traurig aus. So sieht`s in Wahrheit aus, liebes Tagebuch.


Aber glaubst du, das würdigt hier irgendwer? Natürlich nicht. Sobald diese gestreifte Kuh den Raum betritt, dreht sich alles nur um sie. Und sag jetzt nicht, dass hatten wir erst. Na klar, hatten wir das erst. Ich lebe hier wie in einer Endlosschleife, ich fühle mich wie einem Paternoster. Rauf und runter und im Kreis.

Ach, es ist alles sooo furchtbar. Ich hab sogar schon überlegt, ob ich zur Omi ziehe. Meine ganzen Spielsachen sind abreisefertig in ihrer Kiste verpackt, sie warten nur mehr auf den Abtransport. Und mein Schüsserl. Und mein Kratzbaum. Und meine Katzenklo brauch ich auch. Die Bettzeuglade und das Schmusetuch müssen natürlich auch mit. Ich hoffe, ich vergesse nichts.


Da fällt mir ein, ich weiß ja gar nicht, wo die Omi wohnt. Und selbst, wenn ich es wüsste: wie komme ich hin? Wer bringt mir meine Sachen? Klar, ich könnte Frauli fragen. Aber die macht dann sicher wieder einen Zirkus ...


Was, wenn die Omi gar keine Zeit für mich hat *schluck*?


„Hanni, Puppi, wo bist du denn?“ Ich höre Schritte. „Hanni?“ Die Lade geht auf. „Hanni, was machst du denn hier drinnen? Es gibt doch gleich Abendessen.“ Beleidigt drehe ich mich weg. Sollen die doch ihr Abendessen selber essen. „Bist du krank?“ Frauli befummelt meine Nase. „Hm, feucht.“ Sie streichelt mir über den Bauch. Das mag ich gar nicht. Nicht einmal, wenn wir gut miteinander sind. Ich boxe ihre Hand mit meinen Hinterpfoten zur Seite. Sie hebt mich aus der Bettzeuglade, jeglicher Widerstand ist zwecklos. Da siehst du einmal, wie hier mit meiner Privatsphäre umgegangen wird, liebes Tagebuch. Fest drückt sie mich an sich. „Bist du wieder einmal wegen nichts beleidigt?“ Als ob ich schon irgendwann grundlos beleidigt gewesen wäre. Die Frage ist eine Frechheit. „Na komm, wir schauen einmal, ob wo ein Leckerli für dich herumliegt.“ Pfff!


Frauli schleppt mich die Treppe hinunter. Regelrecht gekidnappt wird man hier. Ich sag dir, Freiheitsrechte sind hier ein Fremdwort! In der Küche setzt sie mich auf das Küchenkastl beim Fenster. „Wart einmal, ich schau schnell nach, was ich so habe.“ Aha, sie zerrt mich hier herunter und weiß nicht einmal, ob sie ein Leckerli zu Hause hat. Das ist ja wieder einmal typisch.


Bis zum Nabel verschwindet sie in der Katzennaschlade. „Tara!“ Triumphierend hält sie mir ein Leckerli-Stangerl vors Gesicht. „Gefunden! Die magst du doch so sehr.“ Pfff! Grimassen ziehend befreit sie das Leckerli von der Verpackung, schnuppert daran. „Mmh, das riecht aber gut.“ Wieder fuchtelt sie damit vor meiner Nase herum. „Schau einmal, so ein Gutti.“ Pfff! Ich drehe mich weg.


In dem Moment kommt die dumme Nuss in die Küche. „Oh, Nanni, du kommst gerade recht. Die Hanni mag heute kein Leckerli. Es bleibt also alles dir.“


„Gib schon her!“, fauche ich Frauli an und reiße ihr das Leckerli aus der Hand.

„Hanni …?“

„Miau! Brrr.“

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