• roswithazatlokal

27.04.2020

Aktualisiert: Mai 10


Liebes Tagebuch,

wenn ich dir erzähle, was heute so los war bei uns ... Ich glaube, Frauli tut dieses Homeoffice überhaupt nicht gut. Die bräuchte dringend Hilfe, wenn du mich fragst. Aber gut, ich erzähl einmal von Anfang an. Du siehst mich übrigens hier auf den Fotos beim Kürzen der neuen Vorhänge. Ja, du liest richtig: NEUE Vorhänge. Aber ich erzähle dir am besten alles von Anfang an.

Wir turnen, wie immer am frühen Morgen, mit dem Philipp vorm Fernseher als es an der Wohnungstür klingelt. Keuchend rennen wir los. Frauli zur Tür, ich ins obere Stockwerk, um mich unterm Bett zu verstecken. Nach einer Weile, und nachdem alles ruhig bleibt, schleiche ich mich vorsichtig wieder hinunter. Ich linse ums Eck ins Wohnzimmer - man weiß ja nie, wen oder was man da trifft - und entdecke ein Packerl mitten auf dem Esszimmertisch. Vielleicht ein neues Stinkespielzeug? Oh, ich liebe stinkige Spielsachen. Vor Aufregung wackelt mein Schwanz ganz von alleine in alle Richtungen. Oder es ist ein besonders gutes Leckerli! Meine Nase kommt mit dem Schnuppern gar nicht mehr nach. Zu guter Letzt setze mich oben drauf, um zu prüfen, ob der Inhalt hart oder weich ist. Das Gewicht checke ich, indem ich das Packerl mit der Pfote anstupse. Hmm, es riecht nicht besonders, ist weich und es ist leicht zu bewegen. Sehr mysteriös das Ganze. Wie aus dem Nichts taucht Frauli mit einer Schere neben mir auf. Sie strahlt, gluckst mehr als sie sagt: "Hanni, das sind die neuen Vorhänge." Wie jetzt? Wieso neue Vorhänge? Wir haben unsere doch erst gewaschen. Wieso haben wir die gewaschen, wenn wir jetzt neue bekommen? Kannst du dich noch an diese vermaledeite Plackerei erinnern, liebes Tagebuch? Soll das alles umsonst gewesen sein? *röchel*

Bevor ich irgend etwas antworten kann, schleppt Frauli bereits die Leiter von der Terrasse ins Wohnzimmer. Sie klettert hinauf und beginnt die FRISCH GEWASCHENEN Vorhänge abzunehmen und auf den Fußboden zu schmeißen. Na, das sollte ich mir einmal erlauben. Ich hör sie direkt meckern: "Hanni, hör sofort auf! Hanni, du machst ja alles schmutzig." Warum den Spieß also nicht einfach umdrehen? Ich stell mich unter die Leiter und miaue so laut ich kann. Wenn du jetzt glaubst, dass Frauli so etwas auch nur im Geringsten beeindruckt, dann täuscht du dich aber gewaltig, liebes Tagebuch. "Tadellos, einfach nur tadellos", nuschelt Frauli dämlich grinsend.


Ha, die Vorhänge in der Küche passen alles andere als tadellos. Die sind nämlich zu lang. Ruckzuck kürzen wir sie. Ein wenig zu viel, wie ich finde. Frauli jedoch behauptet felsenfest, das wäre Absicht. Die Hanni und ich schnudeln die sonst eh wieder so ab. Und draufsetzen können wir uns jetzt auch nicht mehr. Die Länge ist perfekt so wie sie ist. Punkt. Jo eh *zwinker*!

Ihre Versuche, die herunterhängende Vorhangstange zu reparieren scheitern kläglich. Aber das hätte ich ihr schon vorher sagen können. Nur, mich fragt ja keiner. Die Nanni nimmts gelassen wie immer. Die schaut zu, hilft nix mit, hat keinen Streß. "Sind die nicht schön? Seid doch ehrlich, das ist doch viel schöner als vorher", will Frauli gelobt werden. Nanni und ich sagen jetzt besser nix dazu, wir hatten heute noch kein Wursti.

Während Frauli eine Pinkelpause einlegt, warten Nanni und ich geduldig im Vorzimmer auf sie. Voller Elan stapft sie nach dem Kisterlbesuch hinauf ins Bad. Mühsam klettert Frauli auf die Waschmaschine und schon geht`s wieder los. Alter Vorhang runter, neuer rauf. Jetzt sitzt sogar die Nanni fassungslos in der Wanne. Frauli zupft stolz die neuen Vorhänge zurecht. Ihre zufriedenen Seufzer nerven mit der Zeit. Endlich klettert sie wieder von der Waschmaschine. Also, es schaut so aus, als würde sie runterklettern wollen. Wackelig sucht ihre Fußspitze den Badewannenrand. "Ojegerl. Aber, wo man raufkommt, kommt man auch wieder runter." Sie kichert. Nanni verzupft sich vorsichtshalter ins Büro. In einer Einkaufstasche sitzend verfolgt sie den Abstieg von Frauli. Ich bringe mich auch lieber in Sicherheit. Nicht, dass die auch noch auf mich drauffallt. Irgendwie schafft sie es dann aber doch, landet wohlbehalten auf dem Fußboden. "Kommt Mädels, jetzt haben wir uns alle drei ein Leckerli verdient!" Frauli klatscht zufrieden in die Hände. Ehrlich gesagt, fürcht ich mich schon vor morgen. Da sind wir auch wieder im Homeoffice.



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