• roswithazatlokal

25.06.2020



Liebes Tagebuch,

ich hab ein Vogelnest gefunden. In unserem Kirschenbaum. Na, eigentlich hat es Frauli gefunden.


Wir haben nämlich eine Obstplantage am hinteren Ende unseres Gärtchens. Dass das eine ein Kirschenbaum ist, wissen wir, weil eine Handvoll Kirschen am Baum hängen. Daneben steht ein Baum mit zwei Wuzzi-Birnen, also ist das ein Birnenbaum. Wir freuen uns schon riesig auf die Ernte. Wir machen uns dann einen Obstsalat, sagt Frauli.


Die Wanderzeit von der Terrasse zur Obstplantage beträgt so zirka fünf Sekunden, der Kalorienverbrauch liegt bei null. Ich schreib mir das jetzt immer ganz genau auf, weil ich ein wenig auf meine Figur achten möchte. Im Fernsehen war gestern eine Fitnesssendung mit wirklich interessanten Tipps. Man soll sich jede noch so kleine Bewegung aufschreiben und am Ende des Tages wird man stolz feststellen, was man nicht alles geleistet, sozusagen bewegt, hat. Mir fehlt leider ein Schrittzähler, um meine Bewegungseinheiten professionell zu erfassen und zu dokumentieren. Ich hab schon überall in Fraulis Schubladen nachgesehen. Leider hab ich keinen gefunden. Jetzt muss ich bei jedem Schritt mitzählen. Weißt, wie oft ich mich verzähle und wieder von vorne anfangen muss? So komm ich nie zu korrekten Ergebnissen.


Ah ja, der Kirschenbaum und das Nest! Wir joggen also zur Obstplantage und gucken beide voller Freude auf die Früchte. Es sind nicht mehr geworden, aber auch nicht weniger. Sehr gut. Und wie Frauli suchend den Baum hochschaut, ob sich nicht doch noch irgendwo eine kleine Kirsche versteckt, sieht sie es. Das Nest. Total schön, sag ich dir. Aber relativ hoch oben. Ich weiß nicht, ob ich so hoch raufkraxeln mag, nur um die Vogerl anzuschauen. Das sag ich Frauli auch lautstark. Die meint aber nur, da gibt es nix zu sehen, das Nest ist leer. Natürlich lass ich mich nicht so einfach abspeisen und quengle ein bisserl. Seufzend hebt mich Frauli mit den Worten „siehst du“ hinauf. Das Nest ist echt wunderschön. Aber eben auch leer.

Ich sag Frauli gleich, dass ich das nicht war. Ich hab die Vogerl nicht aus dem Nest gestupst. Und auch nicht gefressen. Aber ich kenne eine Katze, der ich das ohne weiteres zutraue. Wenn mich nicht alles täuscht, ist ihr Fell kackbraun gestreift und sie selbst ein richtiges hinterfotziges Katzenmonster. Frauli hört mir aber gar nicht richtig zu. Sie seufzt nur und murmelt: „Aufzucht … leider nicht gesehen … so schade.“


Der Rückmarsch dauert nochmals an die fünf Sekunden. Im Näherkommen sehe ich sie schon: Eine Vogelfeder unterm Terrassentisch. Triumphierend maunzend zeige ich sie Frauli. Ich muss aber gestehen, für ein Babyvogerl ist die Feder viel zu groß, die passt eher zu einer Taube. Irgend so ein armes Viech rennt jetzt mit einer nackigen Stelle durch die Gegend. Gut, dass wir Sommer haben. Mir ist sofort klar, dass das die Nanni war. Woher die immer die Zeit für so was nimmt! Ich komm wegen dem dauernden Schritte zählen und Gewicht kontrollieren zu rein gar nichts mehr. Zu beneiden irgendwie, diese Sorglosigkeit.


Da fällt mir ein, ich muss Frauli fragen, ob sie auch Probleme mit unserer Waage hat. Bei mir zeigt die immer dasselbe an, nämlich nix. Anfangs war ich ja der Meinung, das wäre so in Ordnung. Weil wenn sie nix anzeigt, passt eh alles. Kein Gramm zu viel, keine Fettpölsterchen oder Schwimmreifen. Letzteres hab ich aber eh nicht. Das wäre mir ja aufgefallen, wenn ich so einen bunten Gummireifen um den Bauch gewickelt hätte.


Gerade denk ich mir, ich hör auf mit Sporteln, weil ich ja sowieso die perfekte Figur habe, da stellt sich Frauli (wieder einmal *grummel*) mit mir gemeinsam auf die Waage. Und dieses Mal zeigt die auch noch was an *seufz*.

„Hanni, du musst jetzt wirklich anfangen, etwas gegen dein Übergewicht zu machen. Es täte mir leid, wenn ich dein Futter rationieren müsste.“ Frauli schaut mich dabei streng an, mir wird regelrecht schwummerig. „Vielleicht kraxelst du mehr auf Bäume oder so.“ Ihr Blick mustert mich von der Schwanzspitze bis zu den Ohren. „Oder du rennst die Stufen ein paar Mal am Tag rauf und runter.“ Wie bitte? Will die mich verarschen? Wovon spricht diese Frau überhaupt, bitteschön?


Beleidigt lege ich mich in meine Bettzeuglade. Was hat sie gesagt? Das Futter rationieren? Heißt das, ich bekomm noch weniger als ich jetzt schon hab? Die spinnt! Stöhnend rapple ich mich auf und überlege, was ich tun könnte, damit sie zufrieden ist und Ruhe gibt. Da entdecke ich die Kiste mit Fraulis Gewichten. „Da kriegt man Muskeln, Hanni. Nix mehr mit Schlaffi“, sagt Frauli jedes Mal, wenn sie die verwendet. Was für Frauli gut ist, kann für mich ja nur besser sein. Ich leg mich voller Elan mitten hinein in die Gewichte-Kiste. Ich spür sogleich wie sich alles an mir strafft und glättet. Wirklich sehr effektiv das Ganze, das muss ich schon sagen.


Gewichttraining ist aber wirklich so was von hart, liebes Tagebuch. Da liegst du wegen der verschiedenen Größen der Gewichte total uneben. Auch sind die Dinger furchtbar unbequem. Wenn du eine weiche Matratze gewöhnt bist, ist das eine Mordsumstellung. Aber da muss man sich durchbeißen. Und so beiße ich meine verbliebenen zwei Zähne zusammen und bleibe den restlichen Tag darauf liegen.


Am Abend stell ich mich stolz vor den Spiegel und betrachte mich darin. Ein Prachtweib durch und durch. Da ist nichts, aber auch wirklich nichts, an der falschen Stelle. Der Kopf sitzt an dem einen Ende, der Popsch am anderen. Dazwischen eine Katze, um die man Frauli nur beneiden kann. Der Schwanz kommt genau dort aus dem Körper wo man ihn erwartet. Das wohlgenährte Baucherl zwischen den strammen Haxen und der gerade Rücken obendrauf. Der kecke Blick und das verschmitzte Grinsen …Ich hab ehrlich gesagt noch nie so ein fröhliches und freundliches Katzengesichtchen gesehen. Zufrieden setze ich mich im Wohnzimmer vor Frauli hin und strahle sie an. Sie tätschelt meinen Kopf, zieht mich an sich und busselt mich ab. „Wo warst du denn? Komm her, du Süße.“ Hach, sie hat gleich gesehen, wie perfekt ich bin. Ist das schön.

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