• roswithazatlokal

24.07.2020


Liebes Tagebuch,

ich bin empört. Entsetzt. Enttäuscht. Entnervt.

Aber von Anfang an.

Frauli geht heute schon wieder arbeiten. War ja klar, dass ihr das wichtiger ist als die einsame Miezekatze zu Hause. Aber gut, mittlerweile bin ich mir meines Stellenwertes hier durchaus bewusst. Bei Frauli kommt zuerst ihr Job, dann erst ich *seufz*.


Was also anfangen mit dem trostlosen Vormittag? Gelangweilt schau ich aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne, die Vöglein zwitschern. Sie springen lustig durch die Gegend und schlagen sich ihre kleinen Bäuchlein mit unserem Futter voll. Naja, was hat so ein Piepmatz auch schon Großartiges zu denken? Oder zu tun? Da ist es nicht so wie bei unsereiner, wo du ständig was zu checken hast. Die singen, fressen und kacken und das war`s. Ein Leben wie im Paradies. Wenn du mich fragst, wissen die gar nicht, wie gut sie es haben.


Ob ich hinaus gehen soll? Oder besser doch vorher etwas fressen? Obwohl, ein wenig Milch wäre auch nicht schlecht. Siehst du, das meine ich. Ständig muss ich Entscheidungen treffen, mir andauernd überlegen was als nächstes zu tun ist. Das ist schon eine Bürde. Das musst du erst einmal aushalten. Burnout lässt grüßen!


Nach der Jause und einem Verdauungsschläfchen in meiner Bettzeuglade schlendere ich hinunter ins Wohnzimmer. Auf dem Weg dahin beschleicht mich ein komisches Gefühl. Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis, liebes Tagebuch: Ich habe den sechsten Sinn. Ich spüre, wenn etwas nicht stimmt, kann Dinge voraussagen. Ehrlich.


Und tatsächlich! Mich trifft beinahe der Schlag. Wenn du das in einem Film siehst, glaubst du es nicht. Aber das ist Realität. Meine Realität. Mit so einem Scheiß muss ich mich herumschlagen, ob es mir nun passt oder nicht.


Da liegt doch tatsächlich meine Möchtegern-Schwester im Wohnzimmer und treibt es mit meinem neuen Stinkepolster! Die balgen miteinander, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ohne jegliches Schamgefühl. Nicht die Spur von schlechtem Gewissen. Ganz so, als gäbe es mich gar nicht.


Ich fauche die doofe Nuss erst einmal ordentlich an. Aber glaubst du, die stört das? Im Gegenteil, die ignoriert mich, schmust noch intensiver mit meinem Stinkepolster. Schmiert ihn mit ihrer hinterfotzigen Katzenschnauze von oben bis unten ab. Verteilt ihre Duftnote darauf mit einer Ausdauer, dass man direkt neidisch werden könnte.


Ich remple die blöde Kuh an, schlag eine Kralle in den Polster und ziehe ganz fest. Die Nanni schaut mich verwundert aus ihren großen Kuhaugen an. Ganz so, als würde sie mich erst jetzt wahrnehmen. Aber ich schwör dir, die tut nur so auf unschuldig, das falsche Luder. Ich fauche nochmals. Sie kichert. Ja, du hast richtig gehört, sie kichert. Ich knurre ganz laut, tief aus meinem Bauch heraus und hoffe, dass ich so bedrohlich wirke wie ich mich fühle. Die dumme Nuss kichert wieder. Ich zieh ihr eine über ihre dämliche Grinsefratze, springe hoch, vollführe dabei gekonnt eine Drehung (das hab ich letztens bei Karate Kid gesehen – ich kann schon ohne Frauli fernsehen, mehr darüber ein andermal) und zieh ihr dabei meinen Schmusepolster aus den Pfoten. Und dann renn ich, was das Zeug hält.


Im Rennen stolpere ich über Fraulis Füße. Keine Ahnung, wieso die jetzt auf einmal hier blöd in der Gegend herumsteht. Auf alle Fälle überschlage ich mich, der Polster fliegt in weitem Bogen davon und landet direkt vor der Nase der doofen Nuss. Und was macht die? Die kichert. Kichert und beschmust ihn.


Also wenn Frauli mir nicht im letzten Moment auf die Schnelle ein Leckerli zustecken würde, dann … Ich hätt sie zerlegt, die gestreifte Nuss. Ehrlich. Da kenn ich keinen Pardon. Aber so. Unfassbar, was die manchmal für ein Glück hat.

0 Ansichten

©2019 by Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin. Proudly created with Wix.com