• roswithazatlokal

23.09.2020


Liebes Tagebuch,

ich bin doch tatsächlich auf der Tastatur eingeschlafen. Na ja, kein Wunder nach dem gestrigen Erlebnis.

Wobei, ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich von alleine eingeschlafen bin. Vielleicht haben die mir was ins Futter gemischt, die Nanni und das Frauli.

Weil, wie ich wieder munter werde, da ist doch mein Tagebuch total verixelt. Ich hab es dir fotografiert, damit du dir selbst ein Bild davon machen kannst, liebes Tagebuch. Siehst du sie, die vielen X?

Warum sollte ich ausgerechnet auf der Taste X einpennen? Eben.

Es hätte ja auch das G oder das M oder eine 9 oder 2 sein können. Aber nein, ich penn auf der Taste X ein.


Und das glaub ich eben nicht. Wenn du mich fragst, will da irgendwer mein Tagebuch sabotieren. Ich denke ja, es gibt vielleicht mehr als einen, also mehrere Irgendwer.

Hm, wer käme da in Frage? Mal nachdenken. Nachdem ich annehme, dass es keinen Fremdangriff von außen auf meinen Laptop oder mich gegeben hat, bleiben nur meine zwei Mitbewohnerinnen über. Stellt sich nur noch die Frage: Einzeltäterin oder Gang?

Ist man eigentlich zu zweit schon eine Gang? *grübel*

Wer in dieser Gang Mitglied sein würde, ist klarer als klar. Sonnenklar also.

Aber wer von den beiden hasst mich so, will mich derart schikanieren? Zutrauen würde ich das ja beiden Weibern. Jawohl, Weibern. Weil das ist nicht damenhaft, wenn man die Mitbewohnerin mobbt.

Ach du meine Güte, ich bin ein Mobbingopfer!

Wie war das noch in dem Beitrag im Fernsehen?

„Wenden Sie sich an eine Vertrauensperson.“ Super Vorschlag, danke. Die rennen hier bei uns ja zuhauf herum.

„Suchen Sie einen Therapeuten auf, der/die ihr Selbstwertgefühl stärkt.“

Hm, ob ich es mit einer Online-Therapie versuche? Ob das was kostet? Ich darf ja nix mehr kaufen, sagt Frauli. Ha, die nächste Schikane. Sie verbietet mir in Therapie zu gehen. Na super! Ein Teufelskreis tut sich auf!


Ich glaube, ich leg mich hin. Mir ist grad gar nicht gut.

„Hanni, wo bist du denn?“ Frauli steckt den Kopf bei der Schlafzimmertüre herein. „Oh jegerle, was ist denn mit dir los? Wieso liegst du mit dem Waschlappen auf dem Kopf im Bett?“ Sie betastet meine Stirn. „Hoffentlich wirst du nicht krank. Ich hab mir vorhin schon gedacht, dass irgendetwas nicht stimmt, wie ich dich quer über der Tastatur liegend vorgefunden hab. Du bist nicht einmal munter geworden, obwohl ich dir ein Leckerli unter die Nase gehalten habe.“

Leckerli? Für mich? Ooooch.

„Komm, ich hab es dir aufgehoben. Oder ist dir schlecht? Dann iss es lieber nicht.“ Frauli schaut mich besorgt an.

Mit einer schwungvollen Kopfbewegung werfe ich den Waschlappen ab und springe aus dem Bett. Zu schwach für ein Leckerli? Also, was Frauli für Ideen hat. Da fällt mir ein: Würde Frauli sich um mich sorgen, wenn sie meinem Tagebuch nach dem Leben trachtet? Hm.


Vielleicht hat die Nanni ja Recht und ich guck zu viel Fernsehen.

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