• roswithazatlokal

21.10.2020


Liebes Tagebuch,

heute sind Dominik und Maximilian gar nicht bei uns. Angeblich bekommen sie Besuch. Pfff, wer`s glaubt!


„Wer besucht sie denn?“, frage ich die Nanni.

„Weiß nicht, irgend so ein Freund von ihrem Frauli kommt vorbei. Der hat immer Leckerlis für die beiden Burschen mit. Und manchmal sogar neues Spielzeug.“

„Ach? Und deswegen lassen sie unsere Yoga-Stunde sausen? Sehr merkwürdig.“

„Wieso bist du eigentlich immer so misstrauisch?“

„Wieso bist du es nicht?“, kontere ich.

„Fragen wir Frauli, ob sie mitmachen möchte?“ Nanni knabbert an ihren Krallen.

„Die lässt sich gerade ein Bad ein. Aber wir könnten heute ausnahmsweise gemeinsam meditieren“, schlage ich vor.

„Och.“

„Was denn? Ich mach doch auch beim Yoga mit. Du verurteilst etwas, was du gar nicht kennst.“

„Okay. Was muss ich tun?“ Nanni gähnt extra lange und extra laut.

„Zuerst überleg dir einen Glaubenssatz.“

„Hm, mal überlegen … Ha, ich hab einen! Ich erfreue mich an jedem neuen Tag.“

„Echt jetzt?“ Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. „Das ist dein Glaubenssatz?“

„Ja. Das hab ich letztens wo gelesen. Und was mach ich jetzt damit?“

"Du setzt oder legst dich hin, schließt deine Augen und sagst dir deinen Satz immer wieder laut vor. Du kannst ihn auch singen. Oder summen.“

„Muss das sein?“ Nanni blickt sich um. „Hoffentlich kommen die Jungs nicht doch noch rüber. Das wäre mir dann doch ein wenig peinlich.“

„Wieso denn? Wir zeigen ihnen morgen wie das geht. Aufgeschlossen wie die sind, machen die sicher mit.“ Unschuldig grinse ich sie an.

Liebes Tagebuch,

ich bin es, Frauli.


Stell dir vor, ich komm ins Wohnzimmer, weil ich meine Brille auf dem Couchtisch vergessen habe, und was sehe ich? Die Hanni liegt auf der Couch, hingebungsvoll ihr Mantra summend. In regelmäßigen Abständen patscht sie ihre Vorderpfoten zusammen, ganz so, als würde sie rhythmisch klatschen. Auch glaube ich manchmal das Wort „Leckerlis“ aus ihrem Singsang herauszuhören. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.


Und die Nanni sitzt in meinem Blumentopf. Obwohl sie weiß, dass sie das nicht darf. Ihr Oberkörper wippt fröhlich im Takt von Hannis Geklatsche. Auch sie trällert vor sich hin. Ob das auch ein Mantra ist?


„Frau Mag. Rosner, ich bin es, Roswitha Zatlokal. Ja, die Frau, die wegen ihrer kommunikativen Katzen angerufen hat. Ich weiß, dass wir keinen Termin haben. Aber … Ja, sie singen und klatschen jetzt beide ein Mantra. Nein … Sie verstehen das nicht … Nein, ich möchte nicht stationär in eine Klinik. Wissen Sie was, vergessen Sie es einfach." Verärgert lege ich mein Handy auf den Esszimmertisch. Entschlossen setze ich mich auf die Couch, schließe meine Augen und singe: "Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht verrückt. Ich bin ..."

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