• roswithazatlokal

20.06.2020



Liebes Tagebuch,

also was mir heute schon wieder passiert ist …


Stell dir vor, Frauli und ich wollen unsere Futterschüssel sauber machen. Also die von Nanni und mir. Nicht die von Frauli. Aber auch als Miezekatze will man ja schließlich nicht aus dreckigen Tellern essen. Da bin ich schon pingelig, was das betrifft. Ich achte sehr darauf, dass Frauli da nicht schlampt.


Also, Frauli hebt Nannis Schüsserl in die Höhe, zuckt zusammen und macht ganz laut „Iiiih!“ Interessiert beuge ich mich vor - und krieg den Schreck meines Lebens. Dort, wo gerade Nannis Schüssel war sitzt ein dickes schwarzes Ungetüm. Sooo groß und sooo schiach. Brrr!


Erschrocken springe ich zur Seite, versteck mich hinterm Mistkübel. Man weiß ja nicht, was so einem Ungeheuer alles einfallt. Da muss man schon vorsichtig sein.

Frauli saust aus der Küche hinaus, rennt die Stufen hoch. Okay, wir flüchten, denk ich mir und japse hinterher. Gerade wie ich in der Bettzeuglade verschwinden will, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich Frauli ihr Handy vom Schreibtisch greift und die Stufen wieder hinunter rennt. Ich sofort hintennach, für den Fall, dass sie ein Foto für die Zeitung schießt. Weil dann will ich mit drauf.


Ich überwinde mich, stelle mich neben dem Ungetüm in Pose und grinse in die Kamera. Frauli schiebt mich zur Seite. „Jetzt nicht, Hanni.“ Und dann fotografiert sie diesen schwarzen Teufel ganz aus der Nähe. Ohne mich! „Mal schaun, was du für einer bist“, flüstert sie und kehrt ihn vorsichtig auf die Mistschaufel. „Dich setzen wir in den großen Blumentopf auf der Terrasse. Da wirst du nicht nass und bist trotzdem im Freien.“


Frauli spinnt. Echt jetzt, das ist doch nicht normal. Nicht nur, dass sie mich nicht mitfotografiert – die Hässlichkeit des Kerls käme neben meiner Anmut ja erst richtig zur Geltung, die Schöne und das Biest sozusagen – nein, sie rettet diesen Teufel auch noch. Meine Empörung lässt sich gar nicht beschreiben, liebes Tagebuch. Echt.


„Hanni, komm. Wir füllen jetzt dein Schüsserl voll“, versucht Frauli mich zu locken. Ach, jetzt bin ich also wieder gut genug. „Hm, was haben wir denn da? Kalb mit Hühnerherzen." Oh, lecker! Aber nein, ich darf es ihr nicht zu leicht machen. Man hat ja schließlich auch noch seinen Stolz.


Nanni kommt bei der Klappe hereingesaust. Hätte ich mir ja denken können, dass die dumme Nuss das sogar im Garten noch gehört hat. Bis ins Wohnzimmer höre ich sie dann auch schmatzen.


„Hanni, wo bleibst du?“ Hach, na gut. Frauli hat aber auch ein Glück, dass ich nicht nachtragend bin. Dann überwinde ich mich halt, obwohl sich mir dieser schwarze Monsterkerl unter Garantie auf den Magen geschlagen hat, so zart besaitet wie ich nun einmal bin.

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