• roswithazatlokal

19.11.2020


Liebes Tagebuch,

heute ist es total grauslich draußen. Nebelig, huschi, nasskalt.

Der Nanni ist das total egal. Die geht bei jedem Wetter raus. Ich frage mich, woran das wohl liegt.

Wie du ja weißt, vermute ich schon seit einiger Zeit, dass wir gar nicht verwandt sind, die doofe Nuss und ich. Wir kommen, so meine Lieblingstheorie, aus unterschiedlichen Schichten.

Sie stammt höchstwahrscheinlich von einer Generation von Arbeitskatzen ab. Diese müssen bei jedem Wetter hinaus, um ihr Tagewerk zu verrichten. Da gibt es kein Ausschlafen, den Tag genießen, fünfe gerade sein lassen. Da heißt es, den Bauernhof verteidigen, die Scheune von Mäusen befreien. Da ist Leistung oberstes Gebot. Und dann, aber nur dann, gibt es Futter.

Ich hingegen entstamme unter Garantie einer gutbürgerlichen Familie. Wenn ich nicht sogar adelig bin. Eine Hanni von Zatlokal sozusagen.

Unsereine hat Personal, lässt sich bedienen, verhätscheln und liebkosen, hat immer ein volles Futterschüsserl. Dafür bieten wir auch einiges. Wir sind süß, achten auf unser Aussehen, sind allzeit bereit für Schmuseeinheiten und verfügen über ein hohes Maß an Intelligenz.

Du siehst, liebes Tagebuch, da gibt es gravierende Unterschiede. Auf der einen Seite die gemeine bauernschlaue Hauskatze und auf der anderen Seite die intellektuelle Luxuskatze. Wie soll das zusammen gehen?

Also, wenn meine Theorie stimmt, kann die Braungestreifte gar nicht mit mir verwandt sein! Die ist eine Hochstaplerin, die sich in unser Leben eingeschlichen hat. Wie du sicherlich noch weißt, liebes Tagebuch, vermute ich ja schon länger, dass die Nanni ein Kuckucksei ist. Nur nicht von einem Kuckuck, sondern von einer Miezekatze. Ihre Mama hat sie meiner Mama untergejubelt. Wahrscheinlich aus purer Verzweiflung. Selbstverständlich hat Mama das sofort überzuckert, schließlich kann sie ja bis zwei zählen. Wenn plötzlich aus einem Baby zwei werden, das merkt man doch sofort.

Oder Nannis Mama hat meine Mama angefleht, die Braungestreifte als Pflege-Mieze aufzunehmen. Meine Mama hat es halt dann in Gottes Gnaden liebevoll großgezogen, das arme Würmchen. In ihrer Gutmütigkeit hat sie auch niemanden davon erzählt, wollte die Mini-Mieze vor Verspottung und Ausgrenzung schützen.

Dass ich aus gutem Haus bin, steht außer Frage, sobald man mich nur anschaut. Das ist bei meiner Möchtegern-Schwester ganz anders. Die kann ihre niederen Instinkte nicht verleugnen, benimmt sich genauso wie sich eine Arbeitskatze zu benehmen hat. Zu ihrem Schutz, damit sie nicht über bleibt oder gar in schlechte Hände kommt, hat Mama darauf bestanden, dass wir auch als Teenager und Erwachsene zusammen bleiben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Gut für die doofe Nuss, schlecht für mich.

Vielleicht kann sich die Nanni auch gar nicht mehr an ihre richtige Mama erinnern. Die lebt in dem Irrglauben, meine Schwester zu sein. Ein armes Ding, wenn man es genau nimmt.

Ich glaube ja, Frauli vermutet längst, dass die Nanni anders ist, ohne die wahren Hintergründe zu kennen. Wahrscheinlich verhätschelt sie sie deswegen so. Dabei wäre das überhaupt nicht notwendig, Arbeitskatzen sind sehr robuste Tiere.

Nun gut, es hilft nix. Ich hab sie jetzt sozusagen an der Backe, die dumme Kuh. Ob ich ihr sage, was ich vermute? Würde Mama das gut heißen? Eher nicht.

Ob ich mich Frauli anvertraue? Ihr sage, dass die Nanni ein Pflegekind war, nix mit mir zu tun hat, ich absolute Einzelkatze bin?

Das musst du dir einmal vorstellen, liebes Tagebuch! Du nimmst zwei Miezen aus gutbürgerlichem, was sage ich, adeligem Haus zu dir und nach Jahren erfährst du, dass sich bei dir eine Arbeitskatze breitgemacht hat! Wenn auch unverschuldet und unwissend. Nein, das würde Frauli nicht verkraften.


Hm, je mehr ich darüber nachdenke … Nein, ich muss schweigen. Ich befürchte, ich nehme dieses schaurige Geheimnis mit in mein Grab. Bin für den Rest meines Lebens als Geschwisterkatze abgestempelt. Die Welt kann echt so was von ungerecht sein. Aber manchmal muss man Großmut zeigen, auch wenn man sich selbst damit schadet. Aber so bin ich halt. Da zeigt sich halt die edle Abstammung und die gute Kinderstube. Hach!

Außerdem steht Weihnachten steht vor der Tür, da zerstört man den Familienfrieden nicht mutwillig.


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