• roswithazatlokal

17.06.2020


Liebes Tagebuch,

Frauli ist so gemein. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich mir alles gefallen lassen muss!


Frauli schmust ständig die Nanni ab, so als wäre sie die schönste und liebste und bravste Katze auf der ganzen Welt. Und ich sitz daneben und muss mir das die ganze Zeit anschauen. Ich mein, hallo, das ist mein Frauli. Die Nanni soll gefälligst raus gehen in den Garten und Mäuse fangen. Wo kommen wir denn da hin, wenn die auf einmal eine Herinnen-Katze wird! Mitten in der warmen Jahreszeit!


Begonnen hat das Ganze ja schleichend. So nebenbei. Fast unbemerkt. Auf einmal ist die Nanni immer öfters auf Fraulis Schoß gehüpft, hat sie angestupst und – und jetzt kommt`s, liebes Tagebuch – angemaunzt. Die Nanni! Die stumme Nanni. Die Nanni, die nur ab und zu krächzt. Die fängt jetzt zum Miauen an. Die redet mit Frauli. Ist das zu fassen? Ich bin fix und fertig, sag ich dir. Ich mein, das kann`s jetzt aber nicht sein, oder?


Zum Schein hab ich mich überwunden und mich sogar mit der Nanni angefreundet. Ich mein, sie ist zwar meine Schwester, aber deswegen muss ich ja noch lange nicht mit ihr befreundet sein. Zumindest war das bis jetzt nicht notwendig. Die Betonung liegt auf bis jetzt. Also hab ich sie ganz lieb angelächelt, mein Futter mit ihr geteilt, ihr meine Spielsachen geborgt. Was man halt so unternimmt mit Freundinnen. Ich hab sogar gemeinsam mit ihr ein Nickerchen gemacht.


Aber auf Dauer halte ich das nicht aus, liebes Tagebuch. Ich kann nur hoffen, dass das Herinnen-sein nur so eine Phase von ihr ist. Dass sich das wieder legt. Dass sie wieder eine Draußen-Katze wird. Sie draußen, ich herinnen. Sie Garten, ich Frauli. Verstehst du?


Hach, kaum glaubt man, man hat eine Krise überwunden, kommt auch schon die nächste daher. Erst der Ärger mit dem roten Miezekater und jetzt das! Ich komm überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Und dabei hätte ich es mir wirklich verdient, endlich in Frieden hier zu leben. Die alleinige Schmusekatze hier zu sein.


Ich bin ja gespannt, wie das weitergeht. Weil, was macht Frauli eigentlich, wenn die Nanni wieder abrauscht? Dann wird sie wieder bei mir angekrochen kommen, darauf wette ich. Dann bin ich wieder gut genug zum Schmusen. Aber ich glaub, dann mag ich auch nicht mehr. So kann man mit mir doch nicht umspringen. Erst umhegt und umsorgt und dann das dritte Rad am Wagen. Oder das fünfte? Hach, egal, das überflüssige Rad halt.


Ich muss ein Zeichen setzen. Und ich weiß auch schon wie. Heute Abend begehre ich auf, trete in den Hungerstreit. Frauli wird schon sehen, was sie davon hat, wenn sie mich weiterhin so behandelt. Ich werde dünn und immer dünner. Und blass. Und krank. Und dann muss sie sich ganz viel um mich kümmern. Muss mich wieder aufpäppeln. Schaun, dass ich wieder zu Kräften komm. Dann kann sie auch gar nimmer arbeiten gehen, weil sie sich so um mich sorgen muss. Das hat sie dann davon. Geschieht ihr ganz recht!


„Hanni, Nanni, Abendessen!“ Egal. Ich rühr mich hier nicht weg. „Es gibt Fisch.“ Fisch? „Wo sind denn meine beiden Miezekatzen?“ Hm, Fisch?

Nanni saust an mir vorbei. „Ah, Nanni. Hast du Hunger?“ Sicher hat sie Hunger, die blöde Nuss. Darauf wett ich. „Langsam, Puppi. Es ist genug da.“ Hm, am Ende verschlingt dieses gierige Miststück auch noch meine Portion? Das kann ich nicht zulassen. Dagegen muss ich etwas unternehmen. Den guten Fisch vergönn ich ihr nicht alleine. Was tun *grübel*? Ob ich den Hungerstreik auf morgen verschiebe? Aber ab morgen können die zwei dann wirklich was erleben. Ab morgen esse ich keinen einzigen Bissen mehr.


„Und morgen bekommt ihr Huhn.“ Huhn? Oh, Mann! Das geht ja gar nicht. Macht sie das mit Absicht? Woher weiß sie eigentlich, was ich vor habe? Will sie so meine Pläne durchkreuzen? Frauli ist ja so was von raffiniert, das hätt ich ihr gar nicht zugetraut.


Gut, der Hungerstreik wird verschoben auf … auf nächste Woche. So etwas will ja auch gut durchdacht sein. Überstürzte Handlungen sind nie gut. Da richtet man am Ende mehr Schaden an als sonst was. Am besten, ich gehe in mich und überlege mir einen Schlachtplan. Der Hungerstreik rennt mir schon nicht davon. Wozu sich hetzen? Meine Zeit kommt bestimmt noch. Aber vorher opfere ich mich und esse meinen Fisch. Und morgen dann halt das Huhn. Hach, mir bleibt aber auch nix erspart.

0 Ansichten

©2019 by Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin. Proudly created with Wix.com