• roswithazatlokal

14.06.2020


Liebes Tagebuch,

mir ist sooo fad. Es schüttet schon den ganzen Tag und wir knotzen nur herinnen herum. Nicht, dass mich das stören würde. Aber Frauli hat überhaupt keine Zeit für mich. Die sitzt die ganze Zeit beim PC und arbeitet. Und die Nanni schlaft. Und ich bleib wieder einmal über.


Ich war ja schon in der Bettzeuglade und hab gedöst. Dann war ich unten im Wohnzimmer bei meinen Spielsachen. Die haben aber auch alle grad geschlafen. Also bin ich wieder hoch gegangen ins Büro. Und jetzt lieg ich in die Schachtel neben Fraulis Schreibtisch und besehe mir mein Spiegelbild.


Woher ich weiß, was ein Spiegel ist? Na, weil die andere Katze immer alles macht was ich mache. Und weil Frauli auch drinnen ist, wenn sie davor steht. Und weil es keine zwei Fraulis gibt. Hallo, das ist doch ganz einfach!


Ich bin das aber sicher nicht im Spiegel. Ich bin erstens nicht so mollig, und zweitens viel hübscher. Also kann ich das da drinnen gar nicht sein. Aber, es ist eben auch keine andere Miezekatze, die in unserer Wohnung lebt. Es ist irgendwie kompliziert und doch wiederum ganz einfach. Frauli meint, dass das schon wir sind da drinnen. Sie vielleicht, ich aber mit Sicherheit nicht aus den eben genannten Gründen.


Ich glaube ja, der Spiegel hat seine eigenen Miezekatzen, die aber nicht heraus können. Warum auch immer. Vielleicht waren sie schlimm. Oder es geht ihnen wie mir. Ich geh ja auch nicht gerne in den Garten hinaus.


Der Nanni ist das wurscht mit dem Spiegel. Die schaut da nicht einmal rein. Obwohl die Katze, die drinnen ist, viel hübscher ist wie die Nanni. Vielleicht geht sie deswegen auch immer schnell daran vorbei. Wer schaut sich denn auch gern freiwillig schönere Miezekatzen an? Darum freut es mich ja, dass ich in natura viel attraktiver bin.


Attraktiv ist mein heutiges Wort. Es gibt attraktive Preise und attraktive Angebote. Dann gibt es attraktive Menschen und attraktive Sommerhits. Keine Ahnung, was genau die im Fernsehen damit meinen. Irgendwie scheint grad alles attraktiv zu sein. Darum bin ich auch am überlegen, ob ich mich als attraktiv bezeichnen möchte. Weil, wenn das eh alles und jeder ist, bin ich dann ja gar nix Besonderes mehr. Verstehst du das, liebes Tagebuch?


Ich könnte jetzt also sagen, mein Spiegelbild ist durchaus attraktiv, aber ich bin in natura viel, viel schöner. Ja, das gefällt mir. Ich glaube, so lasse ich das. Was meinst du?


Was ich bei dem ganzen Herumgedenke noch nicht herausgefunden habe ist: Wenn Frauli das in dem Spiegelbild wirklich ist, so wie sie sagt, wer ist dann eigentliche diese mollige Katze? Ich weiß, dass ich es nicht bin. Hat Frauli also neben mir noch eine heimliche Miezekatze, die sie versteckt und die raus will und sich deswegen mir zeigt?

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