• roswithazatlokal

11.07.2020


Liebes Tagebuch,

ich bin es, die Nanni. Die Hanni ist doch glatt vor Erschöpfung eingepennt und bis jetzt noch nicht aufgewacht. Wovon sie so erschöpft ist, weiß ich nicht. Hauptsache, sie schläft. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ruhig es auf einmal bei uns ist. Dieses ständige Geplapper ist manchmal echt nicht zum Aushalten.


Heute wäre ein total harmonischer Tag gewesen. Wäre. Wenn es diese eine Miezekatze nicht gäbe, deren Namen ich aber nicht verrate. Nicht, dass es am Ende noch heißt, ich tratsche.


Frauli druckt ihren Roman aus zum Korrekturlesen. Also das, was sie für einen Roman hält. Die Hanni ist, wie sollte es anders sein, wieder einmal voll angepisst. Sie meint, ich drängle mich immer in den Vordergrund. Und das nur, weil ich mich direkt vor den Drucker hinknotze und somit live mitten im Geschehen bin. Die Hanni rotiert deswegen regelrecht, zieht ihre Runden rund um den Laptop und quietscht die ganze Zeit. So lange, bis Frauli sie auf ihren Schoß nimmt und streichelt. Die war schon als Baby so. Also die Hanni, nicht das Frauli. Ständig hat sie gefiepst, die Baby-Hanni. Ständig wollte sie von unserer Mama geschnuddelt und geknuddelt werden.


Obwohl es ja erst der halbe Roman ist, braucht der Drucker endlos lange. Das mit dem geringen Seitenumfang hört Frauli gar nicht so gerne. Da ist sie ein bisserl komisch. Das liegt wohl daran, dass sie selbst am besten weiß, dass sie einfach nichts weiterbringt. Mal ehrlich, in der Zeit hätte ich sicherlich schon drei Bücher geschrieben. Keine Ahnung, warum die so lange herumtut.


Wir legen uns mit dem ausgedruckten Romanchen (tut mir leid, aber mehr ist es eben nicht) in den Garten. Frauli tut total auf wichtig. Knabbert am Kugelschreiber, streicht ständig herum, kritzelt ominöse Notizen aufs Blatt – ganz so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Ich kann nur sagen, bei „Mord ist ihr Hobby!“ geht das viel flotter. Die Jessica Fletcher tippelt in ihre alte Schreibmaschine was das Zeug hält und gibt ein Buch nach dem anderen bei ihrem Verleger ab. Und löst nebenbei noch Kriminalfälle. Da könnte sich Frauli direkt ein Scheibchen abschneiden von der.


Hihi, die Hanni ist mordsangefressen, weil ich auf Fraulis Schoß sitze und sie sich auf der Liege ein Platzerl suchen muss. Was die immer für ein Schnoferl zieht, unbeschreiblich.


„Ha, ich weiß, wie es weitergeht! Ich schmeiß ihn raus aus der Geschichte." Fraulis Stimme klingt triumphierend. Kurz darauf murmelt sie: "Oder ich lass ihn noch ein bisserl drinnen.“ Kurze Stille. „Ja, so mach ich das.“ Zufrieden klappt sie die Mappe zusammen. „Mädels, ich weiß jetzt, wie wir das angehen." Beschwingt steht sie von der Liege auf. Natürlich ohne Rücksicht auf die Katze auf ihrem Schoß. „Oh, Nanni, dich hab ich doch glatt vergessen.“ Echt jetzt? Wäre mir gar nicht aufgefallen.


Frauli und ich sitzen beim Schreibtisch. Sie stiert auf den Laptop. Dann auf ihren Ausdruck. Dann wieder auf den Laptop. „Soll ich ihn jetzt rauskicken oder nicht?“ Ist er systemrelevant? Wenn nein, dann schmeiß ihn raus. Wenn ja, lass ihn sich nützlich machen. Hör auf die Katze, dann klappt`s auch mit dem Bestseller.


Ich weiß gar nicht, wie lange wir so sitzen. Irgendwann taucht die Hanni total verschlafen auf. Sofort beschwert sie sich, weil wir sie nicht geweckt, sie auf der Liege zurückgelassen haben. Sie hätte sicherlich einiges beitragen können zu Fraulis Roman, meint sie. Hätte ihr Inputs geben können. Aber das sähe mir wieder ähnlich, die Lorbeeren alleine einzuheimsen, blablabla.


„Genug gearbeitet für heute. Ich hab Hunger. Ihr auch?“ Frauli klappt den Laptop zusammen, schlichtet ihren halben Roman ins Regal und springt auf. Dieses Mal bin ich besser vorbereitet, lasse mich elegant zu Boden gleiten.


„Vielleicht sehe ich morgen klarer. Ich neige ja fast dazu, ihn sterben zu lassen. Aber hat er das auch wirklich verdient?“ Ist er systemrelevant?

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