• roswithazatlokal

10.10.2020


Liebes Tagebuch,

stell dir vor, Frauli hockt nur mehr daheim herum. Ich mein, das ist ja einerseits irgendwie schön. Aber andererseits nervt es zeitweise gewaltig.


Weißt du eigentlich, dass ich jede Sekunde meines Lebens in Gefahr bin? Die stapft da mit ihren Stöcken rücksichtslos durch die Gegend, gerade dass sie mich nicht damit erschlägt. Ich mein, das musst du dir einmal vorstellen, liebes Tagebuch, die glaubt echt ich hab obendrauf am Kopf Augen. Wie soll ich sehen, wo sie diese Krückendings niederdonnert, wenn ich neben ihr gehe? Ich bin doch viel kleiner als sie. Die muss doch wissen, dass mir da einiges entgeht. Aber da wird keine Rücksicht drauf genommen. Da wird wild drauflos gehatscht, koste es was es wolle. Und wenn es das Leben der geliebten Schmusekatze ist.


Immer wieder verschwindet sie für einige Zeit, keine Ahnung wohnhin. Mich sofort beim Heimkommen streicheln? Pfff!

„Die Therapie war doch etwas anstrengend, Hanni. Wenn ich mich niedersetze, kannst du schmusen kommen.“ Hallo? Was sind denn das für komische Neueinführungen? Seit wann muss ich darum betteln, geknuddelt zu werden?

„Oh, Eure Schüsserl sind leer. Lasst mich nur einen kurzen Moment rasten, dann …“

„Es tut mir leid, Hanni. Ich kann dich nicht tragen, weil …“

„Wart Hanni, du kriegst gleich dein Leckerli, aber …“

So geht das den ganzen Tag. Wofür bitte schön hockt die denn zu Hause herum, wenn ich nichts davon habe? Ich hoffe echt, die geht bald wieder arbeiten. Weil dann freut sie sich wenigstens den ganzen Tag auf mich. Dann wird wieder geschmust und geknuddelt, was das Zeug hält.


„Ruf doch ihren Arzt an“, rät mir die Nanni.

„Wen?“

„Na den Arzt, der gesagt hat, sie soll daheim bleiben. Sag ihm, dass das so nicht weitergeht. Der soll sie gefälligst wieder arbeiten schicken.“

„Glaubst du, das macht der?“

„Na klar, der weiß ja nicht, wie sehr du darunter leidest, dass sie grad so ist, wie sie ist. Der ist ja dazu da, dass er einem hilft.“

„Hm, so gesehen hast du recht. Kennst du seinen Namen?“

„Ja. Der heißt Frau Doktor.“

„Oh, danke. Da werde ich gleich einmal im Internet schauen, ob ich einen Arzt mit diesem Namen finde.“

„Du musst nur mich fragen, wenn du etwas wissen willst. Du weißt ja, ich kenn mich mittlerweile total gut aus in der Welt der Menschen.“ Stolz reckt sich die doofe Nuss, wirkt dadurch größer (wie macht die das nur?) und schaut wohlwollend auf mich herunter.


Es ist mir echt ein Gräuel, dass ich der blöden Kuh jetzt einen Gefallen schulde. Aber wenn es Frauli wieder in die richtige Spur bringt, ist mir jedes Mittel recht. Na ja, fast jedes Mittel.

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