• roswithazatlokal

07.11.2020


Liebes Tagebuch,

heute ist wieder ein sehr angenehmer warmer Tag und ich genieße es, bei diesem schönen Wetter draußen zu sein. Wäre da nicht ein Vogerl, welches aufgeregt vor mir auf- und abhüpft. Es zwitschert und schreit derart, dass mir die Ohren schlackern. Was den kleinen Piepmatz wohl so aus der Fassung bringt? Neugierig schleiche ich mich näher heran. Komisch, auf den ersten Blick ist nichts Ungewöhnliches zu sehen. Auf den zweiten Blick allerdings … Mit einer Kehrtwendung renne ich zur Katzenklappe, will mich in Sicherheit bringen, will nach Hause zu meinem Frauli.


„Warte doch! Lauf nicht davon. Bitte.“ Kurz vor der Katzenklappe bleibe ich stehen, drehe mich vorsichtig zu der mir unbekannten Stimme um. „Hallo, ich bin der Schnurrbert. Aber alle nennen mich einfach nur Bertl. Und wer bist du?“ Ein junger rotbefellter Kater sitzt in unserer Wiese. „Ich glaube, ich habe mich ein wenig verlaufen.“ Stumm schaue ich ihn an. „Ich bin neu hier und kenne noch niemanden von den Nachbarn. Und weiß noch gar nicht, wer welches Territorium sein Eigen nennt. Muss ich irgendwo besonders aufpassen?“ Ich bin immer noch sprachlos. Wie viel Pech kann man denn haben in seinem Katzenleben? Ich meine, genügen nicht schon der Dominik und der Maximilian? Muss jetzt auch noch ein Bertl hier einziehen?

„Du redest wohl nicht gerne mit Fremden, oder? Keine Sorge, ich will dir wirklich nichts tun. Mir ist fad und ich suche neue Freunde.“ Oh nein, nicht schon wieder ein Freundesucher. Wieso können Kater sich nicht einfach mit sich selbst beschäftigen, so wie unsereine? Wozu brauchen die immer eine Horde „best friends“?

„Wir wohnen da drüben.“ Bertl hebt nach Orientierung suchend die Pfote. "Irgendwo da drüben", ergänzt er. Ich seufze. Der gibt nicht auf, das merke ich schon. Ob ich einfach hineingehe?


Gedacht, getan. Drinnen setze ich mich auf den Esstisch und lasse die Katzenklappe nicht eine Sekunde aus den Augen.


„Oh, hallo! Wir haben auch so eine Katzenklappe.“ Bertls Kopf erscheint in MEINEM Wohnzimmer. Vor Schreck falle ich beinahe vom Tisch. Geschmeidig schlängelt er sich herein, sieht sich um. „Schön hast du es hier. Echt.“ Ich lasse mich nach vorne kippen, falle mit der Stirn auf die Tischplatte, den Popsch in der Höhe. In dieser Position verharre ich. Vielleicht geht er weg, wenn ich einfach so tue, als wäre er nicht hier.

„Ist das bequem?“ Ich schiele kurz zur Seite. Bertl sitzt neben mir, die Stirn auf der Tischplatte, sein Hinterteil hochgestreckt. „Ja, das hat was. Es erschließt sich mir zwar noch nicht was, aber es hat was“, murmelt er.

Abrupt setze ich mich auf. „Was willst du von mir?“

„Dein Freund sein.“

„Wieso?“

„Weil du nett aussiehst. Und ich niemand anderen kenne.“

Bevor ich antworten kann, kommt Nanni bei der Katzenklappe herein. „Oh, wen haben wir denn da?“ Bei Bertl Anblick sträuben sich kämpferisch ihre Nackenhaare.

„Hallo, ich bin der Schnurrbert. Aber alle nennen mich einfach nur Bertl. Wohnst du auch hier? Ich bin neu in der Nachbarschaft und wollte mich einmal vorstellen.“

„Servus, Bertl.“ Nanni legt sich auf die Couch.

Servus Bertl? Mehr hat sie nicht zu sagen? Was ist los mit ihr? Will sie nicht unser Heim, und vor allem mich, beschützen? Verteidigen? Den Eindringling hinauswerfen?


Was soll ich sagen, liebes Tagebuch. Letzten Endes sitzen wir zu Dritt auf der Couch und dösen. Bertl hat sich wie selbstverständlich in unsere Mitte gedrängt, genießt es quasi der Kater im Katzenkorb zu sein.

„Wie heißt du eigentlich?“, flüstert er mir zu. Gibt der denn niemals Ruhe? „Und ist das deine Schwester?“

„Ich bin die Hanni, das ist meine angebliche Schwester Nanni. Letzteres bezweifle ich stark, haben wir doch so gut wie nichts gemeinsam“, antworte ich ihm gernervt. Nach einer Weile frage ich ihn: „Soll ich dir die Wohnung zeigen?“ Keine Ahnung, warum ich das tue, liebes Tagebuch. Aber vielleicht lehnt er ja auch höflich ab.

„Ja, gerne.“ Bertl grinst mich erfreut an. Pfff, das hab ich nun von meinem Anflug von Höflichkeit.

Liebes Tagebuch,

ich komme heute vom Einkaufen heim und was sehe ich?

Eine fremde Miezekatze. In meinem Bett! Einfach so. Total entspannt. Total unaufgeregt.

Wie sich herausstellt, ist es ein Miezekater. Ich stupse ihn an. Er blinzelt, gähnt.


„Wer bist denn du?“, frage ich ihn. Er blinzelt mich nochmals an. „Wem gehörst du denn?“ Er streckt sich, beschnüffelt mich neugierig. „Na, du bist ja ein Süßer.“ Ich knuddle ihn, was er sichtlich begeistert zulässt.

Nach einer Weile erhebt er sich und geht. Einfach so. Total entspannt. Total unaufgeregt.

Geht hinunter ins Wohnzimmer, schlüpft durch die Katzenklappe hinaus und verschwindet in der Dämmerung.


Und was machen meine Mädels? Liegen auf der Couch und dösen. Einfach so. Total entspannt. Total unaufgeregt.


Bin ich am Ende im falschen Haus? Befinde ich mich in einer Parallelwelt? War ich einige Jahre im Koma?


Ach ja, ich bin`s Frauli. Etwas beunruhigt. Etwas durcheinander. Aber das scheint hier niemanden zu interessieren.

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