• roswithazatlokal

05.09.2020


Liebes Tagebuch,

wir sind heute wieder total fleißig, arbeiten den ganzen Abend im Garten. Nachdem bei uns ja alles Natur pur ist, wächst und gedeiht da wirklich gaaanz viel.

Und wenn es dann häufig regnet, schaut der Garten aus wie ein kleiner Dschungel. Mir gefällt das super. Weil da kann man sich total gut verstecken und der Nanni auflauern. Hihi!

Du solltest das Gesicht der doofen Nuss sehen, wenn ich plötzlich, wie aus dem Nichts, aus dem Gebüsch herausspringe und „Puh!“ schreie. Die macht sich jedes Mal fast ins Fell! Hahhaha!


Heute sind die Weintrauben fällig. Der letzte Sturm hat eine Menge runtergerissen vom Weinstrauch. Heißt das eigentlich so? Hm, mal bei Ecosia nachsehen. Oh, Weinstock heißt der Weinstrauch. Auch gut. Frauli hat die Vogerl erwischt, wie sie unsere Trauben stibitzen und deswegen besteht sie darauf, dass wir heute lesen. Ja, sie sagt wirklich lesen. Gut, denk ich mir, vielleicht schmecken ja die Trauben süßer, wenn man dem Weinstock etwas vorliest. Oder Frauli liest uns etwas vor, damit wir uns einstimmen können auf das Abernten.


Und so sitzen die Nanni und ich erwartungsvoll unterm Weinstock.

„Ob sie uns einen Krimi vorliest?“, fragt mich die Nanni.

„Nö, eher eine französische Komödie“, antworte ich ihr gähnend.

„Mann!“


Endlich kommt Frauli. Sie ist mit einer großen Schüssel und einer Gartenschere bewaffnet. Aber ohne Buch. Hm, das ist jetzt etwas komisch. Wie will sie lesen ohne Buch?


Frauli zwickt die erste Traube ab und legt sie vorsichtig in die Schüssel. Dann die zweite, die dritte, … Nanni und ich sind verwirrt. Ob wir sie fragen? Mist, dann legt sie sich wieder mit dem Waschlappen auf die Couch und ist für den Rest des Tages zu nichts zu gebrauchen. Also warten wir schweigend ab.

Frauli füllt bereits die dritte Schüssel. Sie ist total glücklich, weil wir so viele Trauben haben. Und weil sie so lecker sind. Ich koste heimlich eine, spucke sie aber gleich wieder aus. Lecker schmeckt anders kann ich nur sagen.


Die Nanni stupst mich an. „Was ist jetzt mit der Geschichte?“, flüstert sie mir zu. „Ich hab mich schon so darauf gefreut und jetzt liest sie uns gar nix vor.“ Ich zucke die Achseln. Nein, dieses Mal halte ich meinen Mund. Soll sie doch selber fragen.


Endlich sind alle Trauben abgeschnitten. Berge von Trauben. Von zwei Weinstöcken, wie Frauli stolz verkündet. „Und dabei glaub ich trägt der eine gar nix, sondern nur der andere.“ Du fragst dich sicher, wieso wir das nicht so genau wissen, liebes Tagebuch. Nun, du kennst ja unseren Garten. Auch die Weinstöcke dürfen wachsen wie sie wollen. Das heißt kreuz und quer und hoch hinauf und ganz wild durcheinander.


„Was ist jetzt mit der Geschichte?“, platzt es aus Nanni heraus.

„Geschichte?“ Frauli wirkt irritiert.

„Ja, du hast gesagt, wir gehen lesen. Und jetzt sitzen wir hier seit einer Ewigkeit und du hast uns noch kein einziges Wort vorgelesen.“ Nanni stampft mit dem Vorderfuß auf.

„Aber lesen sagt man doch zur Traubenernte. Die nennt man Weinlese.“ Frauli stottert ein wenig bei der Erklärung.

„Pfff!“, mische ich mich ein. „Wir wollen eine Geschichte hören.“

„Oookaaaay.“ Ich glaube Frauli überlegt, ob sie uns etwas vorlesen oder sich vielleicht doch lieber mit ihrem Lieblingswaschlappen verkriechen soll. „Was hättet ihr denn gerne?“

„Einen Krimi“, schlägt Nanni vor.

„Was zum Lachen“, kontere ich.

„Einen Krimi zum Lachen“, gibt Nanni nach.

„Aber ohne Mord.“ Mich gruselt es bei Mordszenen derart, dass ich die ganze Nacht nicht einschlafen kann.

„Blöde Kuh, ohne Mord gibt’s keinen Krimi.“ Nanni boxt mich in die Seite.

„Gibt es doch.“

„Gibt es nicht.“

„Gibt es doch.“

„Wo ist sie denn?“ Wir sehen uns um. Frauli ist futsch.

„Oh, oh, wahrscheinlich auf der Couch.“ Nanni verdreht genervt die Augen.

„Kommt ihr endlich?“, hören wir Frauli aus dem Wohnzimmer. „Ich habe hier ein Buch gefunden, das genau passt. Es handelt vom Räuber Hotzenplotz. Ein Krimi ohne Mord und etwas zum Lachen ist es auch.“

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