• roswithazatlokal

04.01.2020


Liebes Tagebuch,

ich mag gar nimmer fernsehen. Die bringen so blöde Sachen in letzter Zeit. Ständig zeigen sie Wiederholungen. Und Wiederholungen von den Wiederholungen. Die Nanni meint ja, das kommt nur davon, weil ich mir die falschen Sender aussuche. Pfff! Diese Klugscheißerin!


Ich habe beschlossen, dass ich mehr lesen werde. Frauli hat so viele Bücher in ihrem Regal stehen, da hab ich die nächsten Jahre zu tun. Nur, was soll ich lesen? Einen Krimi? Oder vielleicht ein Sachbuch? Aber zu welchem Thema? Oder eine Liebesgeschichte? Wir haben auch einige Reiseführer. Fremde Länder kennen lernen, erfahren wie Miezekatzen woanders leben ...

Hach, es ist alles so kompliziert.


„Weißt du eigentlich, dass du jetzt schon seit der Früh vor dem Bücherregal hockst und seufzt? Du hast sogar auf deinen Mittagssnack vergessen.“ Die doofe Nuss hat mir gerade noch gefehlt.

„Hab ich nicht. Ich hab bisher nur keine Zeit gehabt.“

„Du weißt aber schon, dass Frauli keine Freude hat, wenn sie all ihre Bücher auf dem Boden wieder findet?“

„Ich schmeiße sie nicht wahllos auf den Boden. Ich sortiere sie“, korrigiere ich.

„Aha. Wonach sortierst du? Bunter Einband, schwarzer Einband?“ Sie grinst frech.

„Nein. Nach interessant, vielleicht, auf gar keinen Fall.“

„Wieso stellst du sie nicht einfach wieder ins Regal?“

Immer diese Besserwisserei! „Hab ich ja anfangs. Aber dann bin ich durcheinander gekommen. Ins Regal kommen nur die Bücher die absolut keine Chance haben.“


Die doofe Nuss stöbert im Regal herum. „Oh, verstehe. Fraulis Handarbeitsanleitungen zum Beispiel.“

„Genau. Oder soll ich jetzt vielleicht auch noch zum Stricken anfangen?“ Genervt verdrehe ich die Augen.

„Warum eigentlich nicht? Der Pullover hier wäre zum Beispiel hübsch.“

„Du bist so deppert!“, zische ich sie an.

„Du solltest aufräumen, Frauli wird nicht ewig weg bleiben.“

„Und du solltest Gouvernante werden.“

„Ich wollt es nur gesagt haben.“ Die Nanni springt aus dem Regal. Wenig später höre ich sie ins Wohnzimmer hinunter hopsen. Sie trällert dabei: „Wer hat Angst vorm bösen Frauli, bösen Frauli, bösen Frauli? Wer hat Angst vorm bösen Frauli? Alle, nur die Hanni nicht!“ Dann kichert sie ganz laut.

„Blöde Kuh!“, schreie ich ihr nach.


Aber wo sie recht hat, hat sie recht. Wenn Frauli die ganzen Bücher auf dem Bett und am Boden verstreut herum liegen sieht, zuckt sie unter Garantie aus. Ich werde wohl ein wenig schneller aussortieren müssen. Und die Bücher, die gar nicht in Frage kommen, einfach einräumen.


Ich hab es fast geschafft, da hör ich unten die Haustür. Als ob sie nicht einmal länger wegbleiben könnte! Ich schmeiße die restlichen Bücher ins Regal und verdrück mich in meine Bettzeuglade. Dort beginne ich laut zu schnarchen. So tun, als ob. Du verstehst, liebes Tagebuch?


Die Lade wird aufgezogen. „Hanni, ich weiß, du schläfst nicht. Hast du im Regal herumgewerkelt?“

Ich blinzle Frauli verschlafen an (ich tu natürlich nur so), strecke mich und gähne laut.

„Ich bin aber auch blöd. Ich frag doch tatsächlich meine Katze, ob sie sich mit meinen Büchern beschäftigt hat. Gut, dass das niemand hört. Ich hab nur gleich an dich gedacht, weil das Regal ein einziger, wenn auch nach Genres geordneter, Sauhaufen ist. Aber wenn wir das nicht waren, wer dann?“ Frauli kratzt sich am Kopf. „Schlafwandle ich etwa? Hab ich dieses Chaos heut in der Früh in der Eile übersehen? Vielleicht sollte ich vorsichtshalber eine Kamera aufstellen.“


Mist!




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