• roswithazatlokal

01.07.2020


Liebes Tagebuch!

Schon in der Früh weiß ich, dass heute ein guter Tag ist. Und was glaubst, warum ich das weiß? Na, weil, Frauli uns eine Dose Pute mit Cranberrys aufmacht. Das schmeckt sooo lecker, einfach unbeschreiblich. Wenn ein Tag so anfängt, dann kann nix mehr schief gehen, verstehst?


Stell dir vor, wir bekommen auch noch ein Schälchen Milch als Nachspeise. Ich glaube, die Milch ist sogar frisch von der Kuh. Zumindest schmeckt die so. In der Werbung zeigen sie die Kuh auf der Weide, frisches Heu grasend und fröhlich vor sich hinmuhend. Die Bäuerin lacht mit der Sonne um die Wette, holt sich die Milch von der Kuh und trinkt sie genüsslich mit ihren Kindern zum Frühstück. Und genauso ist es bei uns. Ich bin sicher, unser Frauli war schon in aller Herrgottsfrüh bei einer Kuh und hat für uns Milch geholt. Ist das nicht wunderbar?


Hihi, die Nanni hat einen Milchbart und bemerkt ihn gar nicht. Und geht so hinaus. Geschieht ihr recht, der dummen Nuss!


Frauli sagt, sie fahrt jetzt dann mit der Omi und der Sabine frühstücken. Da dürfen wir aber nicht mit, sagt sie. Versteh ich zwar nicht, ist aber leider so. Ich schlage vor, die beiden zu uns einzuladen. Unsere Futterschüssel sind noch halb voll, sogar von der Milch ist noch etwas über.

Aber Frauli hört mir gar nicht zu. Sie wurschtelt mit ihren Haaren herum, kramt in der Tasche nach dem Lippenstift und sucht im Kasten nach passenden Schuhen. Die Menschen sind schon ein komisches Volk, liebes Tagebuch. Die veranstalten ein Affentheater, bevor sie fortgehen, das werde ich wohl nie verstehen.


Gut, denke ich mir, dann nutze ich halt die Zeit, um meine Spielsachen durchzusehen. Ich trau der Nanni nicht. Die tauscht vielleicht meine Spielsachen gegen eine Maus ein oder so. Oder was glaubst du, wieso die dauernd mit einer Maus heimkommt? Doch nicht, weil sie die selber fängt. Nein, nein, liebes Tagebuch, das nehm ich der nicht ab. Da steckt was anderes dahinter.


Ich steige also vorsichtig in die Spielzeugkiste hinein, drehe mich ein paar Mal im Kreis und verschaffe mir so einen groben Überblick. Es scheint alles da zu sein. Moment, was ist denn das? Oh, den Ball hab ich schon die ganze Zeit gesucht. Da liegt er also, in der Kiste. Also ich hab ihn nach dem Spielen bestimmt nicht da hineingelegt. Na super, da kann ich ihn ja nicht finden!


Ich bin wohl eingeschlafen beim Spielzeugsortieren, Fraulis Stimme weckt mich: „Hallo, wo sind denn meine Miezekatzen? Ich hab euch etwas mitgebracht.“ Oh, sicher ein Gutti. Nanni zischt wie der Blitz durch die Katzenklappe herein, drängelt sich vor mir in die Küche. Ich schlendere gemächlich hinterher. Bisher hat Frauli noch immer alles aufgeteilt zwischen uns, warum sollte es dieses Mal anders sein?


Nach dem Leckerli spaziere ich gemächlich Richtung Terrasse und bleibe wie erstarrt vor dem Wohnzimmertisch stehen. Was ich da oben stehen sehe, lässt mein kleines Katzenherz vor Freude hüpfen. Endlich werden meine Bemühungen gesehen, anerkannt, belohnt. Endlich bekomme ich die Aufmerksamkeit, die ich mir verdiene. Mit einem Satz hüpfe ich auf den Tisch. Und da steht sie: eine Blumenvase mit rosafarbenen Rosen. Nur für mich alleine, ist das nicht wunderbar? Ich stecke meine Nase in die Blüten und schnuppere daran, sauge den Geruch tief in mich hinein. Vorsichtig zupfe ich die Stängel in der Vase zurecht. Hach, dass ich das noch erleben darf.


„Hanni, was machst du mit meinen Rosen?“ Deine Rosen? Wieso deine Rosen? „Schau, du zupfst die ganzen Stängel nackig mit deinem Herumgetue.“ Deine Rosen? „Komm geh runter, lass die Blumen in Ruhe.“ Hab ich irgendetwas verpasst? Wieso kriegt Frauli meine Rosen? Womit hat sie sich die verdient? Verdattert bleibe ich vor der Vase sitzen. Und da höre ich es auch schon. Dieses Kichern. Dieses hinterfotzige, gemeine Kichern meiner angeblichen Schwester Nanni. Ich springe hinüber auf die Couch, reibe auf und ziehe durch. Ich verfehle ihre Nase um Haaresbreite. Nanni stößt vor Schreck einen Maunzer aus und macht so auf sich aufmerksam. Frauli düst durch die Tür herein. Sie sieht mich vor der Nanni sitzen, die Pfote noch immer zum Angriff erhoben. Die Nanni - blöd ist die nicht, so viel muss man ihr lassen – setzt sofort einen gequälten Gesichtsausdruck auf.


„Hanni, hast du deine Schwester geschlagen?“ Neeeiiiin. „Wieso haust du die Nanni?“ Tu ich ja gar nicht. „Böse Miezekatze, ganz böse Miezekatze.“ Streng sieht mich Frauli an. Ich schlage verschämt die Augen zu Boden. Na warte, dass wird sie mir noch büßen, diese gestreifte Möchtegern-Schwester. „Arme Nanni, hat sie dir wehgetan?“ Frauli untersucht Nannis Schnauze. „Sehen tu ich nichts.“ Sie tätschelt Nannis Kopf, was diese veranlasst noch armseliger dreinzuschaun. „Dass ihr zwei aber auch ständig streiten müsst.“


Frauli geht wieder in die Küche. Ich gebe der Nanni ganz schnell eine Kopfnuss und sause Frauli hinterher. Hinter mir höre ich ein lautes Fauchen. Ihr Pech, ich bin schon im sicheren Hugerle bei Frauli in der Küche.

10 Ansichten

©2019 by Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin. Proudly created with Wix.com