Mein Beitrag im Oktober 2019 beim

Bubenreuther Literaturwettbewerb

Ich werde Schriftstellerin!

Eines Morgens wachte ich auf und wusste: Ich werde eine Schriftstellerin. Nur, verdammt noch einmal, wie wird man das denn überhaupt? Hinsetzen und drauflosschreiben?

Als Perfektionistin trug ich mich selbstverständlich in den Lehrgang „Kreatives Schreiben“ einer Fernschule ein. Die Theorie lag mir weniger, war jedoch wichtig, wie ich später feststellte. Meines waren eher die praktischen Übungen, wie: „Sehen Sie sich das Bild des Jungen mit dem Apfel an und schreiben Sie eine Geschichte dazu.“

„Kleiner Wurm, was nun?“ oder „Die Apfeldiebe“ verwarf ich als zu kindisch, zu banal. Nein, das konnte ich doch besser. Es sollte etwas Einzigartiges werden. Etwas, womit ich meiner Kursleiterin imponierte.

Tagelang quälte ich mich, kramte in den letzten Winkeln meines Gehirns nach brauchbaren Ideen. Ich befragte Freunde, bat sie, mir Tipps zu geben. Ich erhielt Ratschläge, wie: „Na stell dir doch eine Schüssel mit Äpfeln auf den Schreibtisch. Vielleicht hilft dir das beim Denken.“ Oder: „Ich, als deine Freundin, warne dich eindringlich davor, ein Apfel-Plagiat zu begehen. Wilhelm Tell und Schneewittchen gibt es bereits, vergiss das nicht.“ Und schließlich: „Mensch, schreib doch eine süße Kindergeschichte von einem Wurm, der im Apfel lebt.“

Ich muss ehrlich gestehen, Äpfel sind nicht so ganz mein Obst, was die Sache für mich nicht gerade erleichterte. Warum hielt der Bub denn nicht einfach eine Birne oder eine Banane in der Hand? Warum verdammt noch einmal musste ich überhaupt etwas über Obst schreiben?

Nun, mein Apfel könnte todesmutig vom Baum kullern und ein haarsträubendes Abenteuer nach dem anderen erleben. So in der Art wie Michel aus Lüneburg oder James Bond. Gentechnisch gesehen könnte er sicher ein langes, ausschweifendes Apfelleben genießen, bevor er alt und verschrumpelt auf dem Kompost landete. Ich könnte später daraus sogar ein ganzes Buch machen. Und sollte die Geschichte verfilmt werden, würde ich auf Hugh Grant in der Hauptrolle bestehen. Bliebe nur zu klären, wäre er der Apfel oder dessen Besitzer?

Ich setzte mich also an meinen Laptop und … Mist, die vorgegebene Länge der Kurzgeschichte würde niemals ausreichen, um meine Idee witzig und spannend umzusetzen! Was, um Himmels Willen, sollte ich also schreiben? Ich starrte auf das blöde Bild mit dem blöden Jungen und dem blöden Apfel. Plötzlich kam mir eine Idee. Mit einem Lächeln auf den Lippen beschloss ich zu erzählen, wie es wirklich war. Ich schrieb einfach die Geschichte, die eigentlich gar nicht als solche gedacht war, und doch eine wurde. Und zwar diese hier.

Ob ich die Kursleiterin damit beeindrucken konnte? Na klar doch! Anfangs wäre sie verwirrt gewesen, konnte meine Aufgabe nicht recht einordnen, stand in ihrer Rückmeldung. Dann jedoch fand sie es total erfrischend, endlich einmal nicht die Geschichte eines kleinen Wurmes oder von Äpfeldieben zu lesen.

Na also, es geht doch, auf zur nächsten Aufgabe!

©2019 by Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin. Proudly created with Wix.com